Über keinen ähnlich großen Teil der Weltbevölkerung ist so wenig bekannt wie über die chinesische Landbevölkerung. Das liegt an der systematischen Zensur der kommunistischen Partei. Vor ein paar Jahren hätten sie uns noch am selben Tag ins Gefängnis gesperrt, räumt der Landreformer Wu Zhaoren in der Provinz Anhui zwar Besserungen ein. Aber schon am nächsten Tag folgt die Polizei dem ZEIT-Korrespondenten bis in das kleine Dorf Nantang im Kreis Fuyang, einem der ärmsten Gebiete Anhuis, um alle weiteren Gespräche mit dem Dorfkomitee zu verbieten und den Reporter aus der Provinz zu weisen. Zuvor hatte das Dorfkomitee von Nantang über Vermittlung eines Pekinger Professors ihn ausdrücklich eingeladen.

In der Regel sind es ohne Genehmigung reisende ausländische Reporter, die zumindest einen Teil der Wahrheit über das bäuerliche China ans Licht bringen - denn auch Entwicklungshelfer bewegen sich nur mit amtlichem Aufseher im Land. In diesem Jahr sorgte ein chinesisches Autorenpaar aus Anhui für die große Ausnahme: Chen Guidi und Wu Chuntao setzten mit ihrem Bestseller Untersuchung zur Lage der chinesischen Bauern die Öffentlichkeit in Aufregung - bis der Verlag das Buch auf Parteibefehl zurückzog. Dennoch hatte wohl seit Maos Schriften über die Bauern kein zweites Buch einen solchen Einfluss auf die Bauernfrage in China wie die Studie von Chen und Wu. Auf 400 Seiten schildern sie Dutzende detailliert recherchierte Mordfälle an Bauern in Anhui, welche die brutale Willkür des Einparteienstaats gegenüber einer rechtlosen Landbevölkerung illustrieren. Gerade weil die Reformen in China auf dem Land begannen und dort ihre ersten Früchte trugen, hat man verdrängt, dass die Bauern heute die Leidtragenen der Reformpolitik sind, erklären die Autoren. Doch sie sind nicht ohne Zuversicht. Ihr Buch habe vielerorts Erschütterung und Mitleid ausgelöst, berichten sie bei einer Begegnung in Anhui. Jedes Politbüromitglied habe inzwischen ihre Studie gelesen. Die Medien hätten begeistert reagiert, bevor die Partei sie zurückpfiff.

Vielleicht rückt die Zeit endlich näher, in der man die Wahrheit schreiben darf, hoffen Chen und Wu, denen am vergangenen Samstag in Berlin der renommierte Reportage-Preis Lettre Ulysses Award überreicht wurde.