Beim Freundschaftsbesuch auf dem Republikaner-Parteitag in New York musste sich eine Delegation französischer Konservativer jüngst wenig Schmeichelhaftes anhören: Das größte Handicap John Kerrys, so führende Bush-Wahlkämpfer, bestehe darin, dass er wie ein Franzose aussehe. Der Einwand, Kerrys kantiger Kopf sei ein typisches neuenglisches Patriziergesicht, nutzte den UMP-Abgeordneten wenig. Glücklicherweise kam niemand auf die Idee, Kerry sehe aus wie Dominique de Villepin. Denn die Erinnerung an den ehemaligen französischen Außenminister, der zwar nicht den Irak-Krieg, aber dessen völkerrechtliche Legitimierung verhindert hatte, löst in den USA immer noch Aggressionen aus. Kürzlich erst scheiterte eine Einladung de Villepins nach Harvard am dortigen Universitätspräsidenten.

Zwar ist der Exdiplomat längst Innenminister und Chiracs Wunschnachfolger im Präsidentenamt, während de Villepins Nachfolger Michel Barnier die transatlantischen Scherben kitten soll. Doch Dominique de Villepin kann es nicht lassen, den Amerikanern die Welt zu erklären. Nach seiner verrätselten Enzyklopädie der Weltpoesie, 2003, macht der Dichter-Diplomat in seinem neuen Buch Le requin et la mouette (Der Hai und die Möwe, Edition Plon/Albin Michel) geopolitische Reparaturvorschläge nach dem Irak-Desaster.

Die Gründung Israels bleibt das Zeichen des Optimismus

Bislang wurde das Zerwürfnis zwischen Washington und Paris historisch oder realpolitisch erklärt - als Streit um ethische Universalien zwischen den Revolutionsidealen von 1776 und 1789 oder als Rebellion gegen die Durchsetzungsmacht der USA, die die Missgunst der Franzosen provoziere.

Tatsächlich liegt der Grund woanders: Es ist der Rollentausch zwischen dem einstmals pragmatischen Amerika und dem sonst so grandios theoretisierenden Frankreich. Denn im Vorfeld des Irak-Krieges setzten plötzlich die Franzosen auf nüchterne Analyse und eigene Fehlerdiagnose - vom schmählichen Rückzug aus Algerien bis zum Kampf gegen einheimische islamische Terrorgruppen lange vor dem 11. September -, während die US-Regierung messianische Visionen einer Neuordnung der arabischen Welt entwickelte. Freilich ist Frankreich auch das einzige westliche Land, das blutige Erfahrungen damit hat, als Besatzer aus einem islamischen Land herausgebombt worden zu sein.

Als Negativbeispiele aus der eigenen Geschichte sieht de Villepin indes schon die Diskreditierung der Revolutionsideen von 1789 durch Napoleons Kriege. So vergleicht er den Einmarsch im Irak mit dem blutigen Eroberungsfeldzug in Spanien 1807, mit dem Frankreich unterm Banner von Freiheit und Menschenrechten nicht nur seine moralische Legitimität als große Befreiernation tödlich verletzte, sondern Spaniens Demokratisierung lange Zeit blockierte. Robespierres späte Einsicht über den terreur-Demokratismus gelte auch für die Außenpolitik: Niemand liebt bewaffnete Missionare.

Nicht ein Pyrrhussieg im Kampf der Kulturen, sondern das Aushalten kultureller Diversität durch gestärkte nationalstaatliche Identitäten gilt de Villepin als Schlüssel für ein neues weltpolitisches Gleichgewicht. So spricht er mit Nostalgie von den großen Reichen, die bis 1914 die besten Container gemischter Völker, Religionen und Kulturen gewesen seien.