DIE ZEIT: Seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schulen im internationalen Vergleich haben Privatschulen bei uns großen Zulauf. Sie haben sich das Abschneiden der Privaten bei Pisa noch einmal genauer angeschaut. Ist die Popularität angesichts dieser Untersuchungen tatsächlich gerechtfertigt?

Manfred Weiß: Ganz klar nein. Die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Vorstellung, dass Schulen in privater Trägerschaft den Staatsschulen leistungsmäßig weit überlegen sind, wird durch unsere Studie nicht bestätigt.

In der Gruppe der Realschulen erreichen Privatschüler im Schnitt nur leicht bessere Leistungen. Zwischen staatlichen und privaten Gymnasien gibt es dagegen überhaupt keine Leistungsunterschiede.

ZEIT: Das überrascht. Erst hieß es doch, Privatschulen seien einer der Gewinner von Pisa.

Weiß: Diese falsche Schlussfolgerung beruht auf einer vereinfachenden Darstellung der Pisa-Daten im internationalen Bericht. Zwar liegen die deutschen Privatschulen in der Gesamtdarstellung mit ihrer Punktzahl deutlich über dem Durchschnitt. Stellt man jedoch einen fairen und wissenschaftlich sauberen Vergleich an, muss man natürlich die soziale Zusammensetzung und die Herkunft der Schüler mit in Rechnung stellen. Und das verändert das Ergebnis erheblich.

ZEIT: Wie sind Sie vorgegangen?

Weiß: Wir haben die 36 deutschen - hauptsächlich konfessionellen - Privatschulen, die bei Pisa mitgemacht haben, mit solchen staatlichen Gymnasien und Realschulen verglichen, die ein ähnliches Profil haben: in Hinblick auf die wirtschaftliche Stellung der Eltern, die Zahl von Migranten sowie das Abschneiden der Schüler in einem Intelligenztest. Dabei kam heraus, dass sich der Besuch einer Privatschule nur für eine spezielle Gruppe bezahlt macht: für Mädchen auf Realschulen. Reine Mädchenrealschulen ragen mit ihren Leistungen sogar so weit heraus, dass sie sowohl beim Lesen als auch in den Naturwissenschaften Gymnasialniveau erreichen.