Nur, weil gerade nichts Wichtigeres anliegt – aber die Sache auf die Dauer doch wichtiger ist, als sie im Augenblick aussieht: Fereshta Ludin will nicht mehr Lehrerin in Baden-Württemberg werden. Genauer: Sie wird nicht mehr vor das Bundesverfassungsgericht, also nicht ein zweites Mal nach Karlsruhe ziehen. Beim ersten Mal hatte sie dort einen halben Sieg erzielt. Die Richter hatten der baden-württembergischen Landesregierung bescheinigt: Wenn man Frau Ludin nur deshalb nicht als Lehrerin verbeamten wolle, weil sie aus religiösen Gründen im Dienst ein Kopftuch zu tragen beabsichtige, dann brauche man dafür ein Gesetz und könne das nicht freihändig entscheiden. Nun gibt es ein solches Gesetz, welches freilich so beschaffen ist, dass ein zweiter Gang nach Karlsruhe keinesfalls aussichtslos wäre. Aber Frau Ludin will nun nicht mehr, jedenfalls nicht mehr weiter prozessieren.

Ende gut, alles gut? Abwarten! Denn aufgrund des selben Gesetzes im Lande Baden-Württemberg hat nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden: Katholische Nonnen müssen im Dienst an öffentlichen Schulen ihr Ordenskleid ablegen. Der Einwand des Anwaltes, der das Land Baden-Württemberg vertrat (und der nota bene das einschlägige Gesetz wenn nicht formuliert, so doch inspiriert hat – und der vor allem das Land Baden-Württemberg im Prozess gegen Frau Ludin vertreten hatte) – dieser Anwaltseinwand wurde vom Gericht entschieden beiseite gewischt. Beim Habit der Nonne handle es sich nicht etwa um ein religiöses Symbol, sondern nur um eine Berufskleidung – so wie eben, wäre das Argument fortzusetzen, die weiße Soutane des Papstes auch nur eine Berufskleidung ist: Päpste tragen so etwas halt praktischerweise on the job ….

Was nun? Nun müssten all jene, die glaubten, sie könnten zwischen christlichen und nicht-christlichen religiösen Symbolen im öffentlichen Raum schlau und zu ihren eigenen Gunsten unterscheiden, selber gen Karlsruhe ziehen. Mit anderen Worten: Die Stuttgarter Kultusministerin und ihr Rechtsberater Ferdinand Kirchhof müssen nun gegen die einzig plausible (und die einzig zu erwartende) höchstrichterliche Auslegung ihres eigenen Gesetzes klagen. Das heißt, sie müssen nun die Suppe auslöffeln, die sie sich selber eingerührt haben.

Es folgt daraus, dass in der modernen, säkularen Gesellschaft die aktive Religionsfreiheit - im Rahmen der grundlegenden Verfassungstreue - nur eine gleichmäßige Religionsfreiheit aller Religionen sein kann. Es zeigt sich überdies, dass gerade die Vertreter der Kirchen entschieden selber alles tun müssen, um diese Einsicht zu bekräftigen, anstatt irrig weiterhin zu glauben, sie könnten für sich selber etwas exklusiv bewahren, was sie anderen nicht genau so gut einzuräumen bereit sind. Und es zeigt sich schließlich, dass John Stuart Mill gar nicht so Unrecht hatte, als er 1859 – On Liberty – konstatierte, dass die eigentliche Religionsfreiheit nicht von den Religionsgemeinschaften selber kam, sondern von denen, die nicht religiös vereinnahmt werden wollten: „ Aber Unduldsamkeit ist der Menschheit in Sachen, die sie wirklich näher berühren, so natürlich, dass man Glaubensfreiheit kaum irgendwo praktisch verwirklicht hat, ausgenommen da, wo religiöse Gleichgültigkeit, die ihren Frieden nur ungern durch theologische Auseinandersetzungen gestört sieht, ihr Gewicht mit auf die Waagschale geworfen hat.“