Natürlich war Reinhard Hesse mehr als einfach ein Redenschreiber, auch wenn er mehr Bücher unter dem Namen Gerhard Schröder veröffentlicht hat, als unter dem eigenen. So wichtig er für den Kanzler auch war, für ihn gab es ein Leben vor Schröder und er hatte auch Ideen für die Zeit danach.

Hesse, der weit gereiste Intellektuelle, der seine Kindheit in Kairo verbracht hatte und seither arabisch sprach, berichtete als junger Journalist zu einer Zeit aus dem Libanon, als andere das Bürgerkriegsland bereits vorsorglich verlassen hatten. Eine Weile arbeitete er als Korrespondent auch in Bonn. Publizistische Spuren hinterließ er zunächst aber vor allem in München. Dort machte Hesse, gemeinsam mit Freunden, die unvergessliche Zeitschrift Transatlantik , eine Art deutschen New Yorker , viel gelobt, zu wenig gekauft – zu gut, um zu überleben.

Anfang der 90er Jahre half Hesse beim Aufbau der Woche , begeisterungsfähig und mit vollem Einsatz, wie bei allem, was er anfasste. Und stieß schließlich zu Schröder, der ja längst einiges mit sich vor hatte und einen polyglotten Dauerbrenner wie ihn dringend brauchte. Immer aber schrieb Hesse auch eigenes, zuletzt ein sehr lesenswertes, differenziertes Buch über Okzident und Orient: „Ground Zero. Der Westen und die islamische Welt gegen den globalen Dhijad“ (Econ).

Seit Anfang dieses Jahrzehnts engagierte er sich außerdem für die ungewöhnliche britische online-Publikation openDemocracy.net , eine radikaldemokratische Plattform mit ungewöhnlichen prominenten Mitarbeitern, sowohl als regelmäßiger Autor wie als redaktioneller Berater.

Mit Schröder ging er von Hannover nach Bonn und Berlin, wieder mit vollem Einsatz, aber ohne Amtsprivilegien oder gar Beamtenstatus. Hesses Werkstatt blieb lange in München (während sein Herz für Hannover 96 schlug). Erst 2002 rang er sich, gemeinsam mit Marie-Claude, seiner libanesischen Frau, zum Umzug in die Hauptstadt durch. Neben der Textarbeit pflegte er für den Kanzler fortan auch das „progressive Netzwerk“ der Mitte-Links-Regierungen und fungierte als Schröders „Sherpa“ für deren Gipfeltreffen.

Beim Gipfel in Budapest in dieser Woche wolle er dabei sein, sagte er neulich voll Zuversicht, trotz einer erst wenige Wochen zuvor entdeckten Krebserkrankung. Im Alter von 48 Jahren ist Reinhard Hesse jedoch am Morgen des 11. Oktober in Berlin gestorben.

Eine öffentliche Trauerfeier wird am Nachmittag des 23. Oktober, im Berliner Festspielhaus stattfinden.