Soziologie

Der Souverän dankt ab

Die Seele kann nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im 20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde

Was zu viel ist, ist zu viel. Nun zeigt selbst das Wasser Spuren der Erschöpfung. An den Nebenwirkungen eines Medikaments, das doch glücklich machen soll, lässt sich erkennen, wie unglücklich die Leute sind: Im britischen Trinkwasser ist Prozac nachweisbar, jenes Antidepressivum, dessen Konsum im vergangenen Jahrzehnt von 9 Millionen Verschreibungen im Jahr auf 24 Millionen gestiegen ist, allein in England. Die ausgeschiedenen Rückstände des Psychopharmakons, die von den Kläranlagen nicht aufgehalten und über die Kanalisation fortgeschwemmt werden, finden sich nun im Grundwasser. Was dem Wohlbefinden auf die Sprünge helfen sollte, ist zum Gesundheitsrisiko für alle geworden.

Dabei konnte doch das Leiden der Seele einmal etwas Vorzügliches sein. »Meine Freude ist die Melancholie«, schrieb, als die Neuzeit noch nicht geboren war, Michelangelo und wusste also schon von der Liaison, die die moderne Empfindsamkeit der unverwechselbaren Seele, Quelle der Kreativität, mit dem Unglück eingehen würde. Die Melancholie, eine Urahnin der Depression, zeigte damals noch an, wie wahrnehmungsfähig ein Mensch sein konnte und also auch für das Leiden empfänglich. Krank hätte sich ein Michelangelo gewiss nicht genannt. Die Melancholie, Ausweis des Künstlers, galt ihm als Ausdruck von Individualität: eine Freude.

Ebendiese Individualität hat aber bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Europa ein neuartiges Massenleiden hervorgebracht, das nur entfernt noch an seine Ahnin erinnert und niemanden froh stimmt: die Depression. Unbestritten ist sie heute, vergleichbar der Nervosität um 1900, die Signatur der Seele, die ein Heer von Experten jeglicher Couleur rätselnd umkreist. Lähmende Gefühle der Erschöpfung und der Unzulänglichkeit gehören zu ihren Erkennungszeichen, verbunden mit der letzten Hoffnung, dass die Medizin dieser Unerträglichkeit abhelfen könne. Also geht man zum Arzt. Zu wem sonst?

Anders als die Schizophrenie, die Hysterie, die Psychose oder die Neurasthenie hat die Depression bisher noch kein wissenschaftliches Standardwerk hervorgebracht, das die öffentliche Diskussion prägen konnte. Erst recht kein sozialwissenschaftliches. Doch jetzt erscheint in der Schriftenreihe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung eine Studie auf Deutsch, die in Frankreich bereits 1998 weit über das akademische Milieu hinaus für Aufsehen gesorgt hat: Das erschöpfte Selbst, verfasst vom Pariser Soziologen Alain Ehrenberg im Rahmen eines auf drei Bände angelegten Werks über das moderne Individuum. Im wilden Sammelsurium von Beiträgen zum Thema, die von den esoterischen Wiederbelebungs-Workshops bis zu den klein gedruckten Fachbeiträgen pychiatrischer Zeitschriften reichen, ist diese Studie zur Depression eine beunruhigende Stimme der Aufklärung.

Ehrenberg rekonstruiert die Medizin- und Sozialgeschichte, indem er sowohl französische Fachzeitschriften der Psychiatrie und Psychoanalyse von den 1930er Jahren an als auch Massenmedien seit 1950 daraufhin befragt, welche Geschichte die Depression und das Individuum im 20. Jahrhundert erlebt haben. Nicht die Frage nach der wirksamsten Therapie ist sein Gegenstand, sondern das Ringen um die Beschreibung des Elends. Dieser ausgezeichneten Studie geht es um die Natur des modernen Menschen zwischen Körper und Geist, zwischen Biochemie und Bewusstsein, Biografie und Subjekthaftigkeit. Doch je länger man liest, desto sicherer ist man, dass die Medizin auf gesellschaftspolitische Umbrüche keine Antworten gibt. Selbst wenn sie es tut.

Zweierlei möchte Ehrenberg wissen: Inwiefern, das ist die sozialwissenschaftliche Frage, ist die Depression charakteristisch für die jüngsten Veränderungen der Individualität? Und, das ist die medizinhistorische Frage, wie kommt es, dass Medikamente wie Prozac die »zweifellos unvernünftige, aber völlig verständliche Hoffnung« auf Heilung von psychischem Leiden verkörpern können, dass also ein biochemisch hergestelltes Wohlbefinden an die Stelle der Heilung tritt?

Zweierlei Hypothesen tragen die Studie: Die erste gilt dem Umbruch im Normengefüge der westlichen Gegenwartsgesellschaften: »Die Depression … ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative.« Die zweite gilt der Geschichte der Psyche seit Freud: »Der Erfolg der Depression beruht auf dem verlorenen Bezug auf den Konflikt, auf dem der Begriff des Subjekts basiert, wie ihn uns das Ende des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat.« Damit ist Europa gemeint, besonders Frankreich und seine abendländische Auffassung vom schuldigen Menschen.

Können denn Aufregung und Arbeit allein unglücklich machen?

Ehrenbergs Sympathie gilt, wenngleich ohne traurige Sentimentalität, diesem alten Europa und der Zivilisationstheorie Sigmund Freuds. Denn erst sie hat das Subjekt zum Akteur seiner Heilung erhoben, der durch seine Biografie klug genug werden kann, um Krankheit in »gemeines Unglück« zu verwandeln. Nicht durch mechanische Reparatur der Krankheit, sondern – den seelischen Konflikt verstehend – durch dessen Integration in ein Leben. »Die Heilung«, schreibt Freud, »erweist sich häufig genug als ein bloßes Übereinkommen zur gegenseitigen Duldung zwischen dem Gesunden und Kranken im Patienten.«

In drei Schritten der Analyse geht Ehrenberg vor: Er wendet sich zunächst der Historie des kranken Subjekts zu, untersucht dann den Niedergang der Neurose, um schließlich ein Porträt des unzulänglichen Individuums zu versuchen. Ehrenbergs Impuls ist eine Sorge um die europäische Demokratie, wie sie bisher nicht formuliert wurde: Mit der Selbstbestimmungsfähigkeit des depressiven Individuums ist auch jene Souveränität gefährdet, die doch weithin als Grundlage sowohl der Staatsbürgerlichkeit als auch der Menschenrechte gilt. Souveränität, die sich darin äußert, auf der sozialen und politischen Ebene handlungs- und konfliktfähig zu sein.

Wer nicht mehr entscheiden kann, ohne sich selbst in die Abhängigkeit von Chemikalien zu bringen, hat als Souverän abgedankt. Demokratien, die diesen Weg tolerieren, warnt Ehrenberg, seien in ihren Grundlagen labil. Aber gerade demokratische Wohlstandsgesellschaften seit 1945 bringen die Depression hervor – in allen Altersklassen und Schichten, zunehmend auch bei Männern, stark zunehmend bei denen, die keine 40 sind. Allein in Deutschland gelten jährlich, das ist die niedrigste Schätzung, vier Millionen Depressive als behandlungsbedürftig. Staat und Gesellschaft stehen also vor der neuen Aufgabe, den Einzelnen Wege aus der Unmündigkeit zu ebnen.

Es ist von Anbeginn die Geschichte einer fast undefinierbaren Krankheit, die hier rekonstruiert wird. Konstant durchzieht sie die Irritation, dass man nicht weiß, was man behandelt und warum manch eine Therapie hilft, eine andere nicht – von der Hypnose und der Psychotherapie über den Elektroschock (von etwa 1935 an) bis zu den Neuroleptika (von 1952 an) und den Antidepressiva (von 1957 an). In den zahllosen Straßen und Nebenstraßen der Medizin verläuft sich auch Ehrenbergs Analyse immer wieder, verirrt sich in Wiederholungen, und umso strenger ruft sie die Marschroute aus: den Weg von der Neurose zur Depression aufzuzeigen, der um 1900 beginnt.

Eine machtvolle Dynamik prägt von 1900 an zusehends das Geschehen: Es entsteht eine Sprache für das seelische Leiden und die Angst vor dem Versagen, es entstehen Möglichkeiten der Therapie, es entsteht bald eine Industrie der Medikamente, und es entstehen fortgesetzt neue öffentliche Erwartungen an die Experten. Die Biologie, das Soziale und das Psychische werden zu stets neu fieberhaft umstrittenen Aspekten des menschlichen Geistes und Gemüts, während einer wachsenden Zahl von Patienten ihr Leben entgleitet. Modekrankheit hin oder her, sie können nicht mehr. Was wiederum die Ärzte unter Druck setzt.

Als Ausgangssituation zeichnet Ehrenberg die wirkungsmächtige Konkurrenz zweier Mediziner und ihrer Menschenbilder: Sigmund Freud also, dessen Denken um das Leiden des Subjekts kreist, um dessen Seelengeschichte, und Pierre Janet (1859 bis 1947), dem es um den Schmerz des Kranken geht, den Körper vor allem.

Es sind die Jahre um 1900, in denen alle Welt an Nervosität leidet und erstmals die gesellschaftlichen Ursachen von Krankheit ins Blickfeld rücken: der Lärm, die industriellen Arbeitsbedingungen, die Großstadt, das Tempo. Das Ehebett wird als weibliche Krankheitsursache erkannt. Es sind die Jahre, in denen sich aus der Erforschung der Reflexe die Theorie des Unbewussten herausschält. In denen Irrenhäuser zu Krankenhäusern werden. In denen der Geist sozial durchlässig wird und die soziale Frage den Geist unruhig macht.

Freud und Janet: Aufklären will der eine, reparieren der andere. Geschichte vergegenwärtigen will der eine, sie vergessen machen der andere. Die Schuld ist für Freud die zentrale Kategorie, und also geht es ihm um einen aktiven Patienten, der seine Konflikte zu bearbeiten lernt. Für Janet ist es die Funktionsstörung, und also versteht er den Patienten als einen, der den Arzt als Mechaniker braucht. Janets Auffassungen werden die europäische Geschichte der Depression prägen. Freuds Subjekt hingegen wird unter die Räder kommen. Dabei hatte er vor allem zu bedenken gegeben: »Niemand wird durch Arbeit oder Aufregung allein neurotisch.« Die Angst, man selbst zu werden, die später auch für den Analytiker Jacques Lacan im Zentrum steht, wird als Konzept von den Reparaturkünsten verdrängt.

Das Rätseln der Experten stellt Ehrenberg in den Rahmen einer Gesellschaft, in der Pflicht, Disziplin und Gehorsam von den demokratischen Werten der Selbstbestimmung, der Initiative und der Verantwortlichkeit abgelöst werden. Die Aufgabe, aus eigener Kraft aufzusteigen, Eigentum zu erwerben und glücklich zu sein, durchdringt alle Seelenräume. Wenn etwas nicht glückt, droht das Gefühl des Versagens. Der Mangelhaftigkeit. »Sich befreien«, schreibt Ehrenberg, »macht nervös, befreit sein depressiv. Die Angst, man selbst zu sein, versteckt sich hinter der Erschöpfung, man selbst zu sein.«

Während das Individuum sich um sein Glück müht, arbeiten die Ärzte seit den dreißiger Jahren an der Differenzierung der Krankheitsbilder, an der Erprobung von Wirkstoffen, und einig sind sie sich nur darin, dass sowohl eine Psychotherapie als auch Medikamente zum Einsatz gebracht werden sollten. Die Klügsten unter den Forschern sprechen bis in die Gegenwart von kodifiziertem Chaos. Und Ehrenberg, das ist ein eigener Lektüregenuss, führt es einem lebhaft vor Augen.

Während sich seit den sechziger Jahren in den Massenzeitschriften die Themen der Angst, der Schlaflosigkeit, der Überarbeitung breit machen, kümmert sich die psychiatrische Literatur vorwiegend um das seelische Leiden. Doch die Massenkultur hat sich längst von der medizinischen Diskussion abgelöst. Ehrenberg hat das schier unübersehbare Material zusammengeschaufelt, das seit 1968 den Weg der Selbstbefreiung aus allen Verboten hin zur Selbstachtung preist. So lakonisch hat lange keiner mehr von der antiautoritären Erneuerung des rigiden Frankreichs mit seinen harschen Neurosen berichtet.

In den achtziger Jahren hebt die Welle an, die das befreite Selbst spiritualisiert, das nun an sich glauben soll. Dass hierin auch der Versuch steckt, sich von Ärzten unabhängig zu machen, auch, über die Entdeckung der Natur und des Privaten neue Formen der Politisierung zu erproben, interessiert Ehrenberg kaum. Er stellt vielmehr die unheilige Allianz zwischen den Befreiungstherapien und der medikamentösen Behandlung fest, die beide ohne das alte Subjekt auskommen.

Denn die Sprache als Instrument der Befreiung muss dem Körper und den Emotionen Platz machen, die, wie man nun denkt, von der Sprache wie von den Tabus nur eingeschnürt waren. Wie produktiv diese Abkehr vom logozentrischen Denken war, ist für Ehrenberg wiederum nachrangig. Denn die alte Seele, meint er, habe sich im Schleifen aller Verbote und in der therapeutischen Religiosität um einen hohen Preis aufgelöst. Ein heilloses Umherirren im Supermarkt der Reparaturangebote beginnt. Und ständig steigt die Zahl derer, die nicht mehr können.

Auf die Couch der Analytiker legt sich seit den siebziger Jahren eine neue Spezies, der es nicht gelingt, Konflikte zu erkennen und sich das Leben zu vergegenwärtigen. Diese Menschen fühlen sich leer. »Ihre Repräsentationen sind dürftig«, resümiert Ehrenberg, »sie sind unfähig, ihr Leiden symbolisch auszudrücken: Sie sind die Gefangenen ihrer Stimmung.« Sie schlucken lieber Pillen, als sich ihre Biografie vor Augen zu führen. Während die Analytiker den Zusammenbruch des Symbolischen feststellen, schicken sich die Mediziner an, den Kranken zu helfen. Denn die Medikamente, die sie anbieten, kommen der Struktur der Depression entgegen: Der Depressive ist abhängig davon, seinen Mangel zu beheben.

Darin bestärkt sie der Rückenwind aus Amerika mit seinem riesigen Markt für Medikamente. War die amerikanische Psychoanalyse immer eine mehr oder weniger suggestive Technik zur Stärkung des Ich, so schlägt die Biologisierung des Menschen den gleichen Weg ein: Hauptsache, der Patient fühlt sich wohl, und sei es vorübergehend. Nun spielen die Neurotransmitter die Hauptrolle. Nicht die Geschichte des Subjekts interessiert, sondern seine Symptome. Das Unbewusste ist ohne Bedeutung. Entscheidend ist, dass einer, der sich als unfähig zum Handeln erlebt, wieder handeln kann. Das Subjekt wird nicht geheilt, es wird verändert. Schluss mit den Hemmungen, tu was!

Ist das nun eine Verfallsgeschichte? Eher das Porträt eines Janusgesichts. Ehrenberg lässt einen in der Depression stets auch den Fortschritt des befreiten Individuums sehen. Zurück ins Zeitalter der Neurosen geht es nicht. Aber wer zum Abschied noch einmal sein Glas auf das von Konflikten geschüttelte alte Subjekt heben will, sollte vielleicht lieber mit französischem Rotwein als mit britischem Trinkwasser anstoßen.

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