Was bietet das Fernsehen der Demokratie? Wenig, sowohl wenn man an die schwache Vermittlungsleistung von Bildern bei politischer Komplexität als auch an die Fixierung der Programmmanager auf die Einschaltquoten denkt. Wenn zwei Spitzenpolitiker innerhalb von zwei Wochen dreimal gemeinsam und für jeweils 90 Minuten vor die Kamera treten, so stellt das eine Ausnahme dar. Fernsehdebatten wie die der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten sind nicht nur eine programmliche Rarität, sondern sie verraten auch einiges über die Kandidaten. Der Wähler kann sich ein Bild machen – von den Politikern, aber nicht von deren Politik.

Die zweite der drei Debatten, die Präsident George W. Bush und sein Herausforderer John Kerry gestern bestritten, war mit einigen Erwartungen behaftet. Kann Bush sich nach seinem schwachen ersten Fernseh-Auftritt gegen Kerry vor einer Woche behaupten? Würde es Kerry möglich sein, auch bei den innenpolitischen Themen in die Offensive zu kommen, so wie ihm das bei den außenpolitischen Themen der ersten TV-Debatte gelang?

Die gestrige Debatte mit 140 Bürgern in St. Louis in Missouri zeigte zwei zäh kämpfende Gegner. Wer gedacht hatte, dass Bush ein trauriges Abziehbild seiner selbst würde, wurde eines Besseren belehrt. Bush fühlte sich offensichtlich wohler in dem an eine Wahlkampfveranstaltung erinnernden Gesprächsformat, das freiere Bewegungen und den Kontakt mit Bürgern zuließ. Der Präsident legte schneller als beim ersten Fernsehduell seine Aufregung ab. Gleich zu Beginn fiel er dem Moderator ziemlich drastisch ins Wort. Zwar hatte Bush anfangs seine Mimik nicht ganz im Griff. Blinzeln und Grimassen der ersten Runde waren jedoch bald so gut wie verschwunden. Von seinem Unwohlsein und seiner Ungeduld blieb als Zeichen, dass er den Unterkiefer manchmal leicht vorschob. Trotz der sichtlich eingeübten Körperkontrolle entlarvte ihn die Kamera bei wiederholtem Kopfnicken nach Statements. Die Übersetzung dieser Botschaft: "So, jetzt wisst ihr’s. Jetzt habe ich es dem aber gezeigt. Müsste 1:0 für mich sein." Manchmal erschien Bush auch wie ein Abiturient in der Prüfung, der sich bei einer unerwarteten Frage von einem Einfall zum nächsten durchhangelt.

Was die Themen anbelangt, so blieben beide Kandidaten ihrem Sport treu. Wo der Angler Bush zum Vorschein kam, der hartnäckig an bestimmten Themen hing und immer wieder daran zog – der Vorwurf mangelnder Führungsfähigkeit und Standfestigkeit Kerrys, moralisch fragwürdigen Verhaltens gegenüber den Alliierten im Irak-Krieg; des liberalsten Abstimmungsverhaltens, das ein Senator jemals an den Tag legte -, so bewegte sich der Surfer Kerry rhetorisch geschmeidig und offensiv durch die Themen, vermochte Zusammenhänge zwischen ihnen herzustellen und konnte wie schon in der ersten Debatte aus dem Gegenwind der Bush’schen Attacken in den Gegenangriff drehen.

Auch Kerry gab sich deutlich aggressiver als in der ersten Debatte. Er platzierte eine Reihe von griffigen Anti-Bush-Sätzen, die beim Zuschauer haften bleiben könnten: "Er stürzte in den Krieg, ohne eine Plan zu haben, wie der Frieden zu gewinnen wäre" oder "Bush zog Steuerkürzungen der inneren Sicherheit vor." Kerry hat mittlerweile von der Bush-Kampagne gelernt, den Gegner mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren: Er stellte gestern dem Bush des Jahres 2004 den des Jahres 2000 gegenüber und präsentierte widersprüchliche Aussagen des Präsidenten, was etwa den Import von Medikamenten oder die Besetzung des Obersten Gerichts anbelangt. Der Senator möchte mit dem fatalen Vorwurf des Wendehalses, der ihm viel Schaden gebracht hat und der von Bush nicht fallengelassen wird, nicht alleine sein.

Wurde Kerry in der Debatte von Cheney und Edwards oftmals von seinem Teamkollegen zitiert, so versuchte der demokratische Spitzenkandidat gestern umgekehrt, auch ein gutes Stück John Edwards in die Diskussion einzubringen und sich mit der Mittelschicht und den Familien des Landes zu solidarisieren. Gegen Bushs mehrfach erhobenen Vorwurf der drohenden Steuererhöhungen unter einer Regierung Kerry versprach der Senator dem Fernsehvolk in die Kamera, als Präsident die Steuern für Familien nicht zu erhöhen. Wo Bush bei dem Thema der Familien-, Arbeitsmarkt- und der Gesundheitspolitik in seiner üblichen Angriffsrhetorik verharrte, vermochte Kerry es besser, die eigenen Reformpläne zu vermitteln und sich - auch durch die häufige direkte Ansprache der Zuschauer - als Anwalt des kleinen Mannes anzubieten.

Die Debatte hat darüber hinaus noch weitere Themen gebracht – und viele neue, komplizierte Antworten Kerrys. Sei es, dass er noch immer seine Abstimmungen hinsichtlich des Irak-Krieges verteidigt, sei es zur Abtreibung oder Stammzellenforschung, sei es in Sachen Patriot Act . Der Surfer Kerry meisterte diese Wellen, aber seine Antworten gerieten vor allem in puncto Bürgerrechte und Abtreibung manchmal etwas zu abstrakt. Es ist abzuwarten, wie dies beim Wähler ankommt. Bush, der gegen das Angebot Kerrys an die Wähler noch immer vor allem seine Autorität und die bindende Kraft der Traumaerfahrung "11. September" setzt, mag stiller angeln, aber sein Köder geht noch immer tief.