Archäologen sind morbide. Fragt man sie, was ihnen während kalter Zeltnächte in der Wüste durch den Kopf geht, fangen sie an, mit leuchtenden Augen von Gräbern zu erzählen: Knochen, immer nur Knochen. Vergangene Woche fantasierte der emeritierte Professor Shinpei Kato von der Kokugakuin-Universität in Tokyo allerdings ein wenig zu heftig. Den Palast des Dschingis Khan habe er entdeckt, in Karakorum, der einstigen Steppenmetropole des Herrschers, 360 Kilometer westlich der heutigen mongolischen Hauptstadt Ulan Bator gelegen. Und wo der Palast sei, verriet der Japaner, da müsse sich ja wohl auch das Grab des Schreckensfürsten befinden.

"Dschingis Khans Palast entdeckt" hallte es in den folgenden Tagen durch die Medienwelt. Die Japaner seien auf Ruinen gestoßen, die durch Porzellanscherben in die Regierungszeit des Mongolenherrschers (1206 bis 1227) datiert werden können. Kato wähnte sich bereits als Entdecker der unermesslichen Schätze, die dem Khan der Legende nach für das Jenseits mit ins Grab gelegt wurden. "Wenn wir die Grabbeigaben des Dschingis Khan finden, können wir eine neue Seite in den Büchern der Weltgeschichte schreiben", sagte der Archäologe in einem Interview. Allerdings gab er zu bedenken, die Mongolen könnten sich aus religiöser Tradition einer Ausgrabung in den Weg stellen, da nach ihrer Ansicht das Stören einer Begräbnisstätte die Seele des Toten vernichten könne. Deshalb wolle Kato auch nicht selbst Hand anlegen. "Wir werden die mongolischen Kollegen fragen", und gegebenenfalls müssten sie dann halt "zurück nach Japan fliehen". Damit stiehlt sich Kato elegant aus der Verantwortung: Leider, leider hindern ihn religiöse Skrupel daran, nach Beweisen für seine steile Grabthese zu suchen.

In der Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie (Kava) des Deutschen Archäologischen Instituts sorgte die dramatische Darstellung der Ereignisse für mildes Kopfschütteln. Denn in Karakorum gräbt schon seit 1999 die Mongolisch-Deutsche Karakorum-Expedition (MDKE) – ohne jegliche Proteste radikaler mongolischer Grab- und Seelenschützer. Das Archäologenteam unter der Leitung von Hans-Georg Hüttel von der Kava arbeitet an jener Stelle, die bereits 1948 von russischen Archäologen als gesicherter Standort des Palastes des Khans identifiziert werden konnte. Oder zumindest als Standort eines Palastes. Denn dass der Herrscher überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte, ist gar nicht gewiss.

Lieber verbrachte der Fürst, wie es sich für einen Nomaden gehört, seine Tage auf dem Schlachtfeld und seine Nächte im Zelt. Problematisch wurde diese Lebensweise erst, als sein Herrschaftsgebiet von Eroberung zu Eroberung zu unhandlicher Größe anschwoll. "Man kann ein Reich vom Rücken der Pferde aus erobern, aber vom Rücken der Pferde aus verwalten kann man es nicht", lautet ein altes chinesisches Sprichwort. Dschingis Khan beherzigte diesen Rat und gründete Karakorum, wollte sich selbst aber nicht mit dem Bau von Mauern aufhalten. Er übertrug diese Aufgabe seinem Sohn Ögödai, der die Stadt 1235 fertig stellte. Doch da war der Alte bereits seit acht Jahren tot.

Auch Ögödai vertrieb sich die Nächte sicher nicht unter dem grünen, mit Löwendrachen verzierten Dach jener Anlage, die als Palast des 10000-fachen Friedens in die Geschichte einging. Die repräsentative Halle diente nur zum Empfang von Gesandten aus fernen Ländern. Wie zum Beispiel des Franziskaners Wilhelm von Rubruck, der 1254 nach Karakorum kam. Sonderlich beeindruckt war der Mönch allerdings nicht. "Die Stadt ist nicht so stattlich wie der Marktflecken St. Denis bei Paris", notiert Rubruck in seinem Reisetagebuch.

Ob Hüttel, Kato oder ein anderer Archäologe jemals das Grab des Dschingis Khan finden wird, ist höchst ungewiss. Denn nach der Beisetzung des Fürsten, so lautet die Legende, mussten sogar die Arbeiter, welche das Grab ausgehoben und den Fürsten bestattet hatten, für ihre Mühen sterben. Niemals sollten sie den Ort seiner letzten Ruhestätte verraten können. Und als letzte Maßnahme jagte man Tausende von Pferden über das Grab – um jede Spur von ihm auf ewig zu verwischen.