Man könnte den Regisseur Oskar Roehler für durchgeknallt halten, dabei ist er einfach ein virtuoser Sprengmeister der Gefühle. Schon sein zweiter Film Gierig war eine bis zum Abheben pathetische Liebesgeschichte, verzweifelt, todessüchtig und auf der Tonspur auftrumpfend mit Puccinis Tosca. In den melancholischen Farben eines frühen Berliner Techno-Morgens erzählt Roehler von zwei zart sadomasochistischen Menschen, die vor lauter Gefühl füreinander nicht mehr zueinander finden. In diesem Melodram geht es um zwei Berliner Clubexistenzen, die Leidenschaft nicht mehr durch den Körper des anderen, sondern nur noch in dessen voyeuristischem Blick erfahren. Selbst Kritiker, die dieses abstruse Gespinst von einem Film mit Hohn überschütteten, mussten zugeben, dass Richy Müller und Jasmin Tabatabai darin ein seltsam symbiotisches Paar werden und Tabatabai einen Wahnsinnsauftritt hinlegt. Verkleidet mit einer wasserstoffblonden Perücke, singt sie den Siebziger-Jahre-Song Porque te vas auf Japanisch. Man scheint durch ihre coole Fassade hindurchzublicken, und die Musik wird reine Sehnsucht. Es ist ein Auftritt von unendlicher Trauer, ein Abschied, eine zärtliche Liebeserklärung und ein großer Kinomoment.

Die exhibitionistischen Gefühlsrandale seiner ersten Filme konterte Roehler mit der Geschichte eines stillen Untergangs. Er drehte jenen Film, der ihm das Etikett des Fassbinder-Nachfolgers einbrachte und sein einzigartiges Gespür für die verborgene Größe einer Schauspielerin bewies. Als Die Unberührbare driftete Hannelore Elsner in der Rolle der Schriftstellerin Gisela Elsner durch Deutschland nach dem Fall der Mauer. Mit einem Schlag fügten sich Elsners von Kajalbalken umrandete Augen, die helmartige schwarze Perücke und die immer etwas abwesend gehaltene Zigarette zur Ikone. Elsners Unberührbare wurde zum Inbegriff einer Schauspielerinnenexistenz, die sich den eigenen Schmerz- und Verzweiflungsschichten stellt und daraus fast existentialistische Größe gewinnt. Oskar Roehler vermittelte dem deutschen Kino eine Ahnung seines Darstellerpotenzials, indem er eine Schauspielerin, die als Fernsehkommissarin jahrelang wenig mehr als ihr leicht affektiertes Lachen kultiviert hatte, zu einer Figur führte, die mit offenen Augen und ungeheurer Würde in die Neurose hineingeht.

Kino als anarchische Revolution gegen die Wiederkehr des Gleichen

Vadim Glowna, der als Elsners versoffener Exmann in Die Unberührbare eine wagemutig trostlose Sexszene spielte, Wolfgang Joop, der die eigene Eitelkeit in Suck my Dick in die Guru-Attitüde eines Psychoanalytikers überführt, Marie Bäumer, die in Der alte Affe Angst übergangslos vom Überschwang in bodenlose Trauer kippt – immer wieder treibt Roehler seine Darsteller über die gewohnten Images und Erscheinungsbilder hinaus. In jenen Momenten, wenn sich Körper aufbäumen, die Deckung nachlässt, Nerven bloßliegen, Gesichter entgleisen, betreibt Roehler seine eigene anarchische Revolution gegen die Typenbesetzung, gegen die Wiederkehr des Gleichen, gegen Abliefern, Herunterspielen. Gegen ein Kino, das seine Darsteller aus lauter Angst vor dem Abgrund mit kuhgleicher Verdrossenheit über die ewig ausgetretenen Pfade trotten lässt. Dabei legt Roehler, der Virtuose des Exhibitionismus, auch die Schönheit seiner Darsteller frei. In Die Unberührbare verströmt Hannelore Elsner die tragische Intensität einer Stummfilmdiva, in Der alte Affe Angst besitzt Marie Bäumer plötzlich die verletzliche Grazie der jungen Romy Schneider.

Auch Roehlers neuer Film Agnes und seine Brüder gelingt es, Gesichter, die in der Film- und Fernsehroutine zu versinken drohten, den Glamour des Extremen zu verleihen. Seine übergeschnappte Familiengeschichte handelt von drei Brüdern, die ihre von der Mutter verlassene und vom egoistischen Vater zerquetschte Kindheit und Jugend mit Zwangsneurosen und anderen Störungen fortsetzen. Werner (Herbert Knaup), der Älteste, ist ein überambitionierter Grünen-Politiker, der tagsüber fürs Dosenpfand kämpft und abends aus Familienfrust den heimischen Grill zerdeppert. Seine Frau (Katja Riemann) rächt sich mit sexueller Verweigerung, pflegt den Garten und eine ausgewachsene Hausfrauendepression. Moritz Bleibtreu, der mittlere Bruder, ein sexsüchtiger Bibliothekar, wichst und spannt im Damenklo der Bibliothek, während sich die Transsexuelle Agnes (Martin Weiß) todkrank mit ihren Sehnsüchten und einer alten Liebe versöhnt. Wieder treibt Roehler seine Darsteller über sich selbst hinaus, nutzt An- und Ausfälle, hysterische Tonlagen und Zusammenbrüche als emotionale Vergrößerungsgläser, die Trauer, Verletzlichkeit und eine fast anthropologische Verzweiflung zum Vorschein bringen.

Ganz nebenbei bildet sich in Agnes und seine Brüder eine Art Höllenfamilie des deutschen Kinos der neunziger Jahre heraus, sozusagen die hässliche Fratze unter den neospießigen Beziehungskomödien. Man könnte meinen, dass sich gerade Katja Riemann (Abgeschminkt! , Der bewegte Mann) und Herbert Knaup (Irren ist männlich) mit ihren übersteigerten Neurosen, Ticks und Perversionen auch ein bisschen an einem Kino rächen, das ihnen die Entfesselung nie gestattet hat. Riemanns mehr oder weniger latente Zickigkeit wird ins Monströse gekehrt und zum Schutzschild einer Frau, die in ihrer luxuriösen Chromküche wie eine brennende Dynamitstange umherläuft, während Herbert Knaup mit der Motorsäge nicht nur den eigenen Garten, sondern auch die superseriösen Vaterfiguren zersägt, auf die er jahrelang abonniert war. Auch der liebenswerte und jungenhaft charmante Moritz Bleibtreu genießt es sichtlich, sich als leicht schwammiger Sexsüchtiger in einer Pornoagentur die Seele aus dem Leib zu ficken.

Natürlich ist Oskar Roehler alles andere als ein bewusster oder gar berechnender Dekonstruktivist, vielmehr entwickelt sein Gespür für den Abgrund in der Überhöhung, für die Wahrheit im Exzess, eine natürliche Subversionskraft. Dabei fliegt ihm manchmal mehr um die Ohren, als ihm lieb sein kann, hinterlässt sein Verfahren ästhetische Kollateralschäden, peinliche Momente, Verzerrungen, die in der Karikatur enden.

Stets aber begibt sich Roehler gemeinsam mit den Darstellern auf ihre exaltierten Gratwanderungen und emotionalen Achterbahnfahrten. Er steht ihnen bei, zieht sich mit ihnen aus, kotzt sich frei, gibt Ängste, Sehnsüchte und Zwänge preis. Das ist anstrengend und manchmal auch penetrant. Aber letztlich bleibt selbst die größte Peinlichkeit bei Roehler eine befreiende Zumutung.