Wenn die Herren im grauen Anzug vor der Tür stehen, weiß Mohammad Kaiseruddin schon, was zu tun ist. Zunächst einmal bittet er sie höflich herein. Er macht sie darauf aufmerksam, dass im Falle eines Moscheebesuchs in den Räumen nebenan die Schuhe auszuziehen sind. Er fordert sie auf, Platz zu nehmen, bietet ihnen Tee an und setzt sich auf den Stuhl gegenüber. Dann fragt er die Herren, was er für sie tun kann. Meistens fällt die Reaktion freundlich aus. "Lassen Sie es mich so ausdrücken: Es findet zumindest eine Kommunikation statt."

Nicht, dass Mohammad Kaiseruddin an Hausbesuchen des FBI etwas gelegen wäre. Als Direktor des Downtown Islamic Center zu Chicago hat er sich daran gewöhnen müssen. Regelmäßig schauen Beamte in der State Street 231 vorbei, einem schmucklosen Bau direkt in Chicagos Finanz- und Shoppingdistrikt, und immer stellen sie die gleichen Fragen. Kaiseruddin, ein würdiger Emigrant aus Indien im korrekt sitzenden Tweed-Jackett, nimmt es ihnen nicht persönlich übel, sie tun auch nur ihren Job. Als amerikanischer Staatsbürger, der er vor langen Jahren geworden ist, hat er sogar Verständnis dafür, dass die Situation gewisse Maßnahmen erfordert. Was ihn stört, ist der Generalverdacht.

Die Gläubigen, die sich, soweit der Job es zulässt, im Downtown Islamic Center zum Freitagsgebet versammelt haben, sind Rechtsanwälte, Ingenieure, Angestellte einer der Firmen, die in den himmelstürmenden Gebäuden untergebracht sind, auf die Chicago so stolz ist. Die wenigsten tragen Bärte, wenn doch, sind sie akkurat gestutzt. Die Mehrzahl hat sich für die Mittagspause absentiert und ist entsprechend gekleidet: Business-Hemden, Krawatten, die Jüngeren in casual wear. Wie Osama bin Laden sieht schon deswegen keiner aus, weil Exilinder und Pakistanis hier das Bild bestimmen. In ihren Heimatländern gehörten sie zur Elite, die immer schon mit einem Auge gen Westen schaute. Doch solche feinen Unterschiede hat Amerika hinsichtlich seiner Muslime noch nie gemacht. Und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern wird.

Seit das Land sich den war on terrorism auf die Fahnen geschrieben hat, seit es den Feind nicht nur in Erdlöchern und unwegsamen Gebirgen fremder Kontinente, sondern auch in seinem Innern jagt, ist das Leben für Menschen, die zufällig arabische Vornamen tragen und ihre Herkunft aus dem Nahen oder Mittleren Osten nicht verbergen können, noch prekärer geworden, als es zuvor schon war. Dass die Gemeinden sich nach dem 11. September einhellig von gewaltsamen Lösungen distanzierten, hat ihnen nichts genutzt. Jeder der Anwesenden im innerstädtischen Gemeindezentrum weiß eine Geschichte zu erzählen: von Belästigungen in der U-Bahn, Beschimpfungen im Supermarkt, nächtlichen Anschlägen auf Moscheen. Aber auch von Kontrollen und Verhören am Flughafen, die mit enervierender Gewissheit immer Leute wie sie treffen, von Verhaftungen ohne offizielle Anklage und Ausweisungen aufgrund kleiner Visa-Vergehen – staatliche Maßnahmen, die das Gefühl verstärken, Fremde im Land zu sein.

Die Stimmung bei den Betroffenen schwankt zwischen Resignation und Aufbegehren. Im westlich der Stadtgrenzen gelegenen Muslim Civil Rights Center stapeln sich die Akten, die von Übergriffen berichten. Unabhängige Bürger- und Menschenrechtskommissionen des Staates Illinois sind zu Hilfe gekommen und haben im vergangenen Jahr einen Report veröffentlicht, in dem darauf hingewiesen wird, dass das so genannte profiling die Benachteiligung aufgrund von Ethnie, Religion oder Aussehen – nicht den Grundsätzen der Verfassung entspricht. Selbst William Shaver, einer der Polizeichefs der Stadt, mahnt zur Besonnenheit: Man dürfe den Patriot Act, das nach den Anschlägen eilig durch den Kongress gewunkene Antiterrorpaket, nicht zu patriotisch auslegen, auch dem Islam gegenüber gelte das Toleranzgebot. Dabei beweist gerade eine ethnisch segregierte Stadt wie Chicago, dass es den Islam in Amerika nicht gibt.

Wie alle sorgsam gepflegten Feindbilder beruht die amerikanische Islamphobie auf einer Dämonisierung, die sich hartnäckig gegen die Realität sträubt. Die bei weitem überwiegende Mehrheit arabischstämmiger Einwanderer sind in Wahrheit Christen, Konvertiten oder Angehörige religiöser Minderheiten, die aus ihrer Heimat flohen. Drei Viertel von geschätzten 300000 Muslimen im Großraum Chicago sind nur auf dem Papier gläubig. Neben den Pakistanis, Indern und Arabern, neben den afroamerikanischen Communities im Süden gibt es bosnische, chinesische, nigerianische, senegalesische und Latino-Muslims. Oft haben sie die Moscheen der jeweils anderen Gruppen noch nie betreten. Und über die Auslegung der Lehre des Propheten herrscht durchaus Uneinigkeit.

"Wir brauchen mehr Verständigung, zwischen uns selbst und den anderen Religionen", sagt Azam Nizzamuddin auf dem Weg zum Council of Islamic Organisations of Greater Chicago, einem Dachverband, der mehr als vierzig muslimische Einrichtungen vertritt. Azam, ein junger Anwalt, ist Mitglied des Vorstands. Er fährt Volvo, spielt samstags Tennis und unterhält sich gern über Rockmusik. Aus den Lautsprechern klingt Santana, während draußen das suburbane Amerika mit seiner endlosen Folge von Fast-Food-Tempeln und Drogeriemärkten vorbeirauscht.