Nur keine falsche BewegungSeite 2/2

Die Angst vor einer Entführung ändert dein tägliches Leben völlig. Alle Vorsichtsmaßnahmen können nicht verhindern, dass es passiert. Deswegen ist es besser, alle Eventualitäten mit möglichst kühlem Kopf zu berücksichtigen. Morgens, bevor ich das Hotel verlasse, verstaue ich alles Lebensnotwendige wie Medikamente, Wasser und etwas Essen in meiner Tasche. Das Geld hingegen deponiere ich im Tresor des Hotels. Dann hinterlasse ich im Computer ein paar Nachrichten für den Fall, dass jemand nach mir suchen müsste, und gleichzeitig versuche ich, alles zu beseitigen, was eine solche Suche behindern könnte.

Die Entführung ist nicht das einzige Risiko in Bagdad. Ich rechne mit meinem Glück, die Iraker nennen es Allah, dass ich mich nicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befinde, wo gerade eine Autobombe hochgehen könnte. Man muss nach Möglichkeit auch den Militärkonvois ausweichen. Eine falsche Bewegung reicht, und der Maschinengewehrschütze, der auf einem gepanzerten Wagen sitzt, ballert drauflos.

Zwischen den Verabredungen gönne ich mir ein paar Augenblicke der Erholung. Ich gehe in das Café Hewar, was so viel heißt wie Dialog. Es befindet sich auf dem Gelände der Akademie der Schönen Künste. Ein prachtvoller, ruhiger Garten, in dem man einen nimu basra trinken kann, einen Tee, der mit getrockneten Zitronen zubereitet wird. Wie jeden Tag ist Kassim al-Sebti da, der fröhliche Maler, der das Café verwaltet und dem es auch gelingt, das eine oder andere Bild zu verkaufen. An diesem Tag aber tröstet ihn nicht einmal der Verkauf eines seiner Bilder. Er hat gerade einen Anruf bekommen. Sein Cousin Raheem und die gesamte Familie, Frau und drei Kinder, sind von einer Maschinengewehrsalve aus einem amerikanischen Panzerwagen erfasst und getötet worden. Raheem war an der US-Basis Island vorbeigefahren. Er war Taxifahrer. Er hat wahrscheinlich eine falsche Bewegung gemacht.

Aus dem Italienischen von Ulrich Ladurner

 
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