Schule
Vierfach bestraft
Was die Kultusminister ignorieren: Das gegliederte Schulsystem diskriminiert Kinder aus der Unterschicht. Deshalb muss es schrittweise abgeschafft werden
Wenn Deutschland mit seinen Schulen Anschluss an Pisa-Spitzenländer wie Schweden oder Kanada finden will, dann muss die Kultusministerkonferenz (KMK) mit einem Tabu brechen. Die Struktur unseres Schulsystems darf in der Debatte nicht weiter ausgeklammert bleiben; sie gehört mehr denn je auf die Tagesordnung. Denn neue Untersuchungen bestätigen noch einmal deutlich: Dass es in Deutschland eine so große Bildungsunterschicht gibt, liegt an der Gliederung des Schulsystems.
Mit gesetzten Worten formuliert die Erziehungswissenschaftlerin Gundel Schümer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) den Missstand: »Schüler, die unter ungünstigen sozialen und kulturellen Bedingungen aufwachsen und dementsprechend häufiger als andere Schulschwierigkeiten haben, werden noch einmal benachteiligt, wenn sie extrem ungünstig zusammengesetzten Schülerpopulationen angehören. Die durch die soziale Herkunft bedingten Nachteile werden institutionell verstärkt.« Zu finden ist Schümers Aufsatz Schüler aus unterprivilegierten Gesellschaftsschichten im deutschen Schulwesen in einer noch wenig bekannten Publikation der deutschen Pisa-Forscher. Schümers Botschaft im Klartext: Wer bereits durch sein Elternhaus benachteiligt ist, wird durch unser selektives Schulsystem in der Hauptschule doppelt und dreifach bestraft.
Die Benachteiligung findet schon beim Übergang nach der Grundschule statt: Gleich begabte Kinder aus Akademikerfamilien haben dreimal höhere Chancen auf einen Gymnasialbesuch als Arbeiterkinder. In Bayern ist diese Privilegierung sogar sechsmal höher. Die Abhängigkeit der Leistungen der Schüler von ihrer Herkunft ist im Vergleich zu allen anderen Pisa-Teilnehmerländern in Deutschland am stärksten, auch wenn unsere Verfassung allen Kindern gleiche Bildungschancen garantiert.
Die KMK, so scheint es, hat die gegenwärtige Generation von Hauptschülern verloren gegeben. Abgesehen von der Sprachförderung für Migrantenkinder und den geplanten Ganztagsschulen, gibt es kaum Reformen im deutschen Schulsystem, um diesen besonders benachteiligten Schülern zu helfen. Die beschlossenen Bildungsstandards allein verbessern nicht die Leistungen der Schüler, sie könnten sogar zur stärkeren Selektion beitragen. Dabei hat das selektive Schulsystem eine Art »Entsorgungspädagogik« geschaffen, durch die Probleme in den Einzelschulen nicht gelöst, sondern durch Sitzenbleiben und Abstufen in die nächstniedrigere Klasse oder Schulform abgeschoben werden.
Die zweite Chance ist eine Illusion
Wenn sich aber alle Probleme dann in der niedrigsten Schulform konzentrieren, können sie nicht mehr gelöst werden, selbst bei größtem pädagogischen Engagement. Keine Lehrergruppe bemüht sich so sehr um ihre Schüler wie die Hauptschullehrer. Objektiv können die Lehrer das Problem der Hauptschule und ihrer Schüler aber nicht lösen, das beweisen die Pisa-Daten. Die Lehrer stoßen immer wieder an die Grenzen unserer Schulstruktur.
Schon in früheren Pisa-Analysen hatte Jürgen Baumert, Direktor am MPIB, die Benachteiligung der Schüler durch die Schulform Hauptschule nachgewiesen: »Schüler und Schülerinnen mit gleicher Begabung, gleichen Fachleistungen und gleicher Sozialschichtzugehörigkeit erhalten je nach Schulformzugehörigkeit und je nach besuchter Einzelschule unterschiedliche Entwicklungschancen.«
Ein gleich begabter Schüler, der das Gymnasium besucht, kann dort also wesentlich mehr lernen als ein Schüler, der nur auf die Hauptschule empfohlen wurde. Die Lernrückstände der Hauptschüler sind später so erheblich, dass sie auch im beruflichen Schulwesen nicht mehr aufgeholt werden können. Die Durchlässigkeit im Schulsystem besteht vor allem nach unten, eine zweite Chance ist eine Illusion.
Das schlechte deutsche Pisa-Ergebnis hat wesentlich mit dieser Strukturfrage zu tun, denn durch den im internationalen Vergleich extrem hohen Anteil so genannter Risikoschüler wird der Durchschnitt aller Schüler gesenkt. Wenn man sich das Pisa-Ergebnis der deutschen Hauptschulen allein ansieht, so schneidet diese Schulform noch schlechter ab als Mexiko, etwa so wie Brasilien. Die Hauptschulen liegen mit 394 Punkten weit unter dem deutschen Mittelwert von 484 Punkten. Ein besseres deutsches Pisa-Gesamtergebnis könnte also vor allem durch bessere Leistungen im unteren Bereich erzielt werden. Kein Wunder, dass alle erfolgreichen Pisa-Staaten ein integriertes Schulsystem haben, in dem in jeder Schule die Lernprobleme aller Kinder gelöst und nicht verdrängt und verschärft werden. Dass auch die besseren Schüler am Gymnasium in homogenen Lerngruppen von dieser Selektion nicht profitieren, beweist ebenfalls der internationale Vergleich.
Am Ende der Schulzeit werden die Hauptschüler hierzulande erneut benachteiligt, weil sie häufig keine Ausbildungsstelle bekommen und auf dem Arbeitsmarkt chancenlos bleiben. Das belastet dann nicht mehr das Schulsystem, sondern die Wirtschaft und unsere Gesellschaft. Die Schüler aus den unteren Sozialschichten werden am Ende also vierfach bestraft: durch ihre Herkunft, durch die ungerechte Selektion am Ende der Grundschule, durch die ungünstigen Lernbedingungen der Hauptschule und schließlich durch die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Niemand erwartet, dass von heute auf morgen ein integriertes Schulsystem eingeführt wird. Doch zumindest könnte man in einem ersten Schritt die Haupt- und Realschule zusammenlegen, wie es seit Jahren in Thüringen und Sachsen praktiziert wird, den beiden ostdeutschen Ländern mit den besten Pisa-Ergebnissen. Bis in Deutschland ein Schulsystem eingeführt wird, wie es in allen erfolgreichen Pisa-Ländern existiert, müssen wir wohl noch einige schlechte Pisa-Ergebnisse ertragen.
Der Verfasser war bis Mitte 2004 Grundsatzreferent beim Bremer Schulsenator und Vertreter der KMK in den Pisa-Gremien der OECD
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.10.2004 Nr.43
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