Schule Vierfach bestraftSeite 2/2

Das schlechte deutsche Pisa-Ergebnis hat wesentlich mit dieser Strukturfrage zu tun, denn durch den im internationalen Vergleich extrem hohen Anteil so genannter Risikoschüler wird der Durchschnitt aller Schüler gesenkt. Wenn man sich das Pisa-Ergebnis der deutschen Hauptschulen allein ansieht, so schneidet diese Schulform noch schlechter ab als Mexiko, etwa so wie Brasilien. Die Hauptschulen liegen mit 394 Punkten weit unter dem deutschen Mittelwert von 484 Punkten. Ein besseres deutsches Pisa-Gesamtergebnis könnte also vor allem durch bessere Leistungen im unteren Bereich erzielt werden. Kein Wunder, dass alle erfolgreichen Pisa-Staaten ein integriertes Schulsystem haben, in dem in jeder Schule die Lernprobleme aller Kinder gelöst und nicht verdrängt und verschärft werden. Dass auch die besseren Schüler am Gymnasium in homogenen Lerngruppen von dieser Selektion nicht profitieren, beweist ebenfalls der internationale Vergleich.

Am Ende der Schulzeit werden die Hauptschüler hierzulande erneut benachteiligt, weil sie häufig keine Ausbildungsstelle bekommen und auf dem Arbeitsmarkt chancenlos bleiben. Das belastet dann nicht mehr das Schulsystem, sondern die Wirtschaft und unsere Gesellschaft. Die Schüler aus den unteren Sozialschichten werden am Ende also vierfach bestraft: durch ihre Herkunft, durch die ungerechte Selektion am Ende der Grundschule, durch die ungünstigen Lernbedingungen der Hauptschule und schließlich durch die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Niemand erwartet, dass von heute auf morgen ein integriertes Schulsystem eingeführt wird. Doch zumindest könnte man in einem ersten Schritt die Haupt- und Realschule zusammenlegen, wie es seit Jahren in Thüringen und Sachsen praktiziert wird, den beiden ostdeutschen Ländern mit den besten Pisa-Ergebnissen. Bis in Deutschland ein Schulsystem eingeführt wird, wie es in allen erfolgreichen Pisa-Ländern existiert, müssen wir wohl noch einige schlechte Pisa-Ergebnisse ertragen.

Der Verfasser war bis Mitte 2004 Grundsatzreferent beim Bremer Schulsenator und Vertreter der KMK in den Pisa-Gremien der OECD

 
Service