Zum Tod von Jacques Derrida Philosophie des ZerbrechlichenSeite 4/4

Durch seine Analysen hat Derrida das Gespür für künstlerische Operationen gestärkt, die ihren Raum und ihre Zeit, ihr Sagen und ihr Zeigen in eine unüberschaubare Ordnung bringen. Die Kultivierung dieses Sinns für Differenz und Differenzierung ist eine durch und durch hermeneutische Kunst. Trotzdem wurde Derridas Denken gern in eine blanke Opposition zur philosophischen Hermeneutik gerückt. Schon die Annäherung zwischen ihm und Hans-Georg Gadamer seit Beginn der achtziger Jahre hätte hier eine Warnung sein sollen. Wogegen die Dekonstruktion nämlich angeht, ist lediglich das Klischee einer Hermeneutik, die sich über Texte und Werke nur beugt, um ihres Sinns habhaft zu werden. Dieser Verdinglichung des Sinnbegriffs hat Derrida mit Nachdruck widersprochen; er hat den Blick für Prozessualität und Dynamik aller Bedeutungsbildung geschärft. Dies erinnert daran, dass in der Kunst wie im Leben letztlich nur das einen Sinn macht, was keinen eindeutigen hat. Jürgen Habermas hat über Gadamer einmal gesagt, ihm sei die »Urbanisierung der Heideggerschen Provinz« gelungen. Von Jacques Derrida wird sich einmal sagen lassen, ihm sei die Revitalisierung der hermeneutischen Kapitale geglückt.

Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main

Robert B. Brandom: Derrida verdanken wir eine der originellsten und kraftvollsten Kritiken des 20. Jahrhunderts an den traditionellen Auffassungen von der »Metaphysik der Bedeutung« und der Rationalität. Die leidenschaftlichsten unter seinen Verächtern und Bewunderern einte die unkritische und irrige Annahme, eine grundsätzliche Zurückweisung dieser Metaphysik würde auf eine Zurückweisung ihrer Phänomene selbst hinauslaufen. Uneins waren sie lediglich darüber, ob Letzteres zu beklagen oder zu begrüßen sei. Die beste Reaktion auf Derridas Werk besteht meines Erachtens darin, Wege zu finden, die die zentrale Rolle charakterisieren, die den Praktiken des Gebens und Verlangens von Gründen bei der Etablierung von Bedeutungen zukommt. Und zwar auf eine Weise, die nicht von Derridas brillanten, spielerischen, gleichwohl aber eindringlichen Mahnungen unterboten wird, mit denen er uns immer wieder an die unvermeidliche Zerbrechlichkeit, Instabilität, Kontingenz und Widerspenstigkeit erinnert, die jedem unserer Diskurse, sei er noch so gewissenhaft konstruiert, innewohnen.

Robert B. Brandom ist Professor für Philosophie an der Universität Pittsburgh/USA – Aus dem Englischen von Eva Gilmer

 
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