Hamburg

Dies ist eine Geschichte über Deutschland und Polen, sie hat einen deutschen und einen polnischen Teil. Den polnischen Teil kennen inzwischen Hunderttausende von Polen, vor allem die Leser antideutscher Massenblätter wie des Magazins Wprost; er beschäftigte das polnische Außenministerium und das hiesige Generalkonsulat. Den deutschen Teil kennt fast niemand.

Am 24. November vergangenen Jahres erscheint auf dem Jugendamt des Hamburger Stadtteils Bergedorf ein Mann Mitte 30, der fließend Deutsch spricht, wenn auch mit Akzent. Er will sich beschweren, es geht um seine Kinder. Seine Frau ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und hat ihre beiden Töchter mitgenommen. Ein Familiengericht hat ihm zugestanden, die Kinder gelegentlich für ein paar Stunden zu treffen, in Anwesenheit einer Sozialarbeiterin. Die aber verlangt, dass das Gespräch auf Deutsch geführt werde. Das will der Mann nicht hinnehmen.

Aus "fachlich-pädagogischer Sicht" wird Polnisch nicht befürwortet

Für das Jugendamt liegt der Fall klar. Ein Vater, getrennt und gewalttätig, wenn man der Mutter glauben darf, macht Schwierigkeiten. Er könnte mit seinen Kindern deutsch reden, es geht ja nur um wenige Begegnungen, die unter Aufsicht stattfinden sollen. Ein Querulant.

"Ich weiß nicht, was Sie wollen", sagt der Beamte. Hier beginnt der polnische Teil der Geschichte.

Wojciech P. ist elf Jahre alt, als Jaruzelski in Polen das Kriegsrecht verhängt. Sein Vater verschwindet als örtlicher Solidarno™ƒ-Führer im Gefängnis, er selbst, noch ein Junge, verteilt Flugblätter und schreibt nachts Parolen auf die Straßen. Der Traum von einem freien Polen begleitet ihn durch seine Jugend, die Symbole des Landes sind ihm seither heilig. Immer wieder reißt ihm die Lehrerin sein Solidarno™ƒ-Abzeichen von der Brust, den polnischen Adler mit der Krone, die den Kommunisten verhasst ist.

P. geht ins Exil, nach Berlin, er jobbt und nimmt nach dem Fall der Mauer ein Fernstudium in Polen auf: Deutsche Literatur. Er heiratet, aber die Ehe misslingt. P. schlägt seine Frau und wird womöglich auch geschlagen. "Wir streiten uns immer mehr, und zwar so, dass wir uns schon schlagen", schreibt sie einmal. Dennoch bekommt das Paar zwei Töchter. Sieben und vier Jahre sind sie inzwischen alt. P. verfasst Zeitungsartikel über den deutschen Umgang mit der hiesigen polnischen Minderheit und über bilinguale Erziehung in bikulturellen Ehen. Mit seinen Kindern spricht er ausschließlich polnisch.