Kürzlich bestellte ich ein Buch im Internet. Irgendwann war es dann da. Oder genauer gesagt: Der Karton war da. Denn das Päckchen, in dem das Buch geliefert wurde, lag zerrissen auf den Stufen des Treppenflurs. Das Buch selbst – lediglich von persönlichem Wert – war gestohlen. Zur gleichen Zeit mussten sich an einem anderen Ort Topmanager vor Gericht verantworten, weil sie sich die Abwicklung der Fusion ihres Unternehmens möglicherweise mit zu vielen Millionen honoriert hatten. Einige ihrer Zunftgenossen flüchten derweil in benachbarte Steueroasen; Gewerkschaften organisieren Streiks gegen nicht ausreichend steigende Löhne, in Berlin machen Rentner gegen die Kürzung ihrer Bezüge mobil, und der Kanzler regt die Gründung von Ich-AGs an. Ist dies eine egoistische Gesellschaft?

Angenommen, wir lebten in einer egoistischen Gesellschaft, was würde das bedeuten?

In einer solchen Gesellschaft wäre Egoismus, das Handeln allein zum eigenen Vorteil, als Beweggrund selbstverständlich geworden. Egoistisch motiviertes Handeln wäre zur Norm, ja zur stillen Voraussetzung für die Erklärung und Bewertung unseres Tuns emporgestiegen. Und dass jemand allein zum eigenen Vorteil handelte, erschiene mehr als nur plausibel: Egoismus stellte das Paradigma des Vernünftigen dar. Gemeinwesen, Gemeinwohl, freiwillige Übernahme von Verantwortung oder Bürgerehre wären in dieser Gesellschaft von Egoisten nicht mehr als anachronistische Worthülsen. An ihrer Stelle stünden Profit, Kosten-Nutzen-Abwägung und Maximierung des eigenen Wohlstandes. Der moralische Appell klänge im besseren Fall naiv, im schlechteren wie seine eigene Satire.

Unter welchen Bedingungen könnte eine Gesellschaft entstehen, in der das Handeln allein zum eigenen Nutzen selbstverständlich geworden ist?

Die Grundlegung für eine solche egoistische Gesellschaft vollzögen die Wissenschaften. Durch sie müsste in einem ersten Schritt die Kultur naturalisiert worden sein, die Naturwissenschaften hätten die Religion als maßgebliche Größe für Welt- und Menschenbild abgelöst. Wissenschaftliche Experten wären zu jedem Thema zu hören und würden eine Autorität genießen, die in der Vergangenheit nur Priestern vergönnt war. Sie hätten ein Interpretationsmonopol, und allein der Zusatz "wissenschaftlich erwiesen" wäre ein Prädikat für die Richtigkeit einer Aussage, eine Anmerkung, die neunzig Prozent aller Gesprächspartner zum Schweigen bringen könnte.

Auf ihrem Weg zur Deutungsherrschaft hätten die Wissenschaften das Bild der Menschen von sich und ihrer Welt in zwei Etappen geprägt. Sie hätten zuerst die Menschen von der Vorstellung entledigt, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei, und danach hätten sie das bis dahin geltende Schöpfungsvorrecht des Menschen mit einer Abstammungstheorie ausgesetzt, die ihn in das Reich der Tiere einreiht. Die Menschen, ihrer sicher geglaubten Sonderstellung in der Natur beraubt, würden alsbald die Mechanismen der natürlichen Auslese von besser angepassten Individuen für ihre eigene Entwicklung übernehmen. Diese Mechanismen, eigentlich für die Erklärung von biologischen Veränderungen in einem Zeitraum von tausend bis zehntausend Generationen konstruiert, würden bald dergestalt akzeptiert, dass ihre Übertragung auf gesellschaftshistorische Veränderungen und auf das Verhalten von Einzelnen sofort einleuchtete.

Es würde keine Rolle spielen, dass die Wissenschaftler selbst nur mit aller Vorsicht und Einschränkung ihr Weltbild auf die Gesellschaft ausweiteten. Der lange Weg von den Laboren und Schreibtischen einiger Spezialisten bis in die Cafés und auf die Frühstückstische der Laien brächte eine Verkürzung der erforschten Grundsätze mit sich und gleichzeitig eine Erhöhung ihrer Reichweite. Es könnte sich die Überzeugung verbreiten, dass egoistisches Verhalten im Kampf ums Überleben wissenschaftlich legitimiert sei.