Lieber Péter Esterházy, hier, in diesem Haus, in dem einer Ihrer entfernten Vorfahren, Fürst Schwarzenberg, mit einem genialen Trick vor 155 Jahren das allgemeine Wahlrecht der Deutschen und Österreicher verhinderte, erhalten Sie den Friedenspreis. Das ist schön. Aber Sie haben ihn nicht verdient. "Esterházy hat ein wunderschönes Werk vorgelegt, jetzt herrscht Frieden." Das habe ich in keiner Kritik gelesen. Ihre komödiantische Ruhelosigkeit irritiert den Leser. Sie sind ein Sprengmeister aller Vergangenheitsformen. Ein Friedensstifter sind Sie nicht.

Frieden herrscht dort, wo kein Waffenlärm erklingt. Friedlich scheint die Gegend, in der alte Schlösser und Kirchen ungestört zurücksinken dürfen in die Natur. Wenn aber die Vergangenheit einer Nation planmäßig in eine politisch dekretierte, glänzende Zukunft versickert, wenn ein realsozialistischer Parteisekretär den anderen ablöst wie der kühle Herbst den milden Sommer, wenn die Bürger in ihren Nischen sitzen und Kaffee trinken, während die herrschende Friedensmacht genau das betreibt, was sie am besten kann, nämlich ihre Macht im Namen des Friedens zu schützen - dann herrscht eine besondere Art von Frieden. Gäbe es da nicht jene unbotmäßigen Dichter, die behaupten, dass es viele andere Formen des Friedens gibt, zum Beispiel Frieden in Freiheit. Wobei sie zuerst die Freiheit des Wortes meinen, aus der doch alle andere Freiheit aufsteigt.

Ein politischer Autor wollten Sie niemals sein. Aber Ihre Texte haben Ihnen nicht gehorcht. Und insofern haben Sie den Preis doch verdient: so wie jene, die Ihnen hier vorangingen, zum Beispiel Manès Sperber, Leszek Kolakowski oder Václav Havel. Keiner von ihnen hätte sich - wie Sie - eine Laudatio in Form eines Blues auf dem Saxofon gewünscht. Doch Charlie Parker ist tot, Cannonball Adderley leider auch, und in der Big Band der deutschen Literaturkritik dürfte ich allenfalls das Mikrofon zur Verfügung stellen.

Ich stehe hier auf Ihren persönlichen Wunsch, wahrscheinlich weil ich einmal, ein einziges Mal den Namen Helmut Rahn in Ihrer Gegenwart zu nennen wagte, jenen Mann, der in Bern 1954 die Ungarn ins Unglück stürzte. Da verdunkelte sich Ihr Engelsgesicht. Zur Strafe erklärten Sie mir die Eigenschaft des ungarischen Prädikats, das angeblich ängstlich durch die Sätze husche auf der Suche nach seiner korrekten Vergangenheitsform. Jetzt also sind wir in der Nachspielzeit oder, wie Sie scherzen mögen, in der Nachkriegszeit, in der es immer noch keinen richtigen Frieden auf der Welt gibt, aber viele diesbezügliche Preise.

Elias Canetti war es, der angesichts der überwältigenden Flut von Geschichtsmonografien und historischen Ausstellungen bemerkte, dass ihn dieser gebannte Blick in unsere Vergangenheit an den Mann erinnere, der von einem Hochhaus in die Tiefe stürzt. Im rasenden Fall sieht er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen. Das war eine katastrophische Sicht auf das Ende von Geschichte.

Für Esterházy hingegen beginnt Geschichte, sobald er ein leeres Blatt Papier sieht. Er will Anfänge erzählen, lauter Anfänge. Das Ende hat Zeit. Um zum Ende von Geschichte zu kommen, muss der Dichter doppelt so schnell schreiben, wie er kann - wie Alice im Wunderland. Ihr Erfinder Lewis Carroll brachte eine poetische Variante von Zeit ins Spiel. Als seine Alice dem bekannt verrückten Hasen folgt, fällt sie in ein tiefes Loch, und der Sturz will nicht enden. "Entweder", denkt Alice, "das Loch ist sehr tief oder ich falle sehr langsam."

Er bringt die abgesunkenen Schätze der Vergangenheit an die Oberfläche

Diese aparte Hypothese wollen wir anerkennen als das Esterházy-Theorem. So nähern wir uns dem Kern seines Werkes und seines durchaus sportlichen Genies: Unter den Dichtern unserer Zeit ist er der Experte des langsamen Sturzes. Es stimmt, das wäre, mit Péter Esterházy gesprochen, "schlechter Deutsch"; denn in Wirklichkeit geht der Autor in die Bibliotheken und Archive, die von Budapest oder Berlin oder Hamburg, immer auf der Suche nach einer passenden Zitatblüte, die sich einpflanzen ließe in den labyrinthischen Park seines ruhig anwachsenden Werkes.