Friedenspreis Die Trauer und das Gelächter
Péter Esterházy bekam in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine Lobrede
Lieber Péter Esterházy, hier, in diesem Haus, in dem einer Ihrer entfernten Vorfahren, Fürst Schwarzenberg, mit einem genialen Trick vor 155 Jahren das allgemeine Wahlrecht der Deutschen und Österreicher verhinderte, erhalten Sie den Friedenspreis. Das ist schön. Aber Sie haben ihn nicht verdient. »Esterházy hat ein wunderschönes Werk vorgelegt, jetzt herrscht Frieden.« Das habe ich in keiner Kritik gelesen. Ihre komödiantische Ruhelosigkeit irritiert den Leser. Sie sind ein Sprengmeister aller Vergangenheitsformen. Ein Friedensstifter sind Sie nicht.
Frieden herrscht dort, wo kein Waffenlärm erklingt. Friedlich scheint die Gegend, in der alte Schlösser und Kirchen ungestört zurücksinken dürfen in die Natur. Wenn aber die Vergangenheit einer Nation planmäßig in eine politisch dekretierte, glänzende Zukunft versickert, wenn ein realsozialistischer Parteisekretär den anderen ablöst wie der kühle Herbst den milden Sommer, wenn die Bürger in ihren Nischen sitzen und Kaffee trinken, während die herrschende Friedensmacht genau das betreibt, was sie am besten kann, nämlich ihre Macht im Namen des Friedens zu schützen - dann herrscht eine besondere Art von Frieden. Gäbe es da nicht jene unbotmäßigen Dichter, die behaupten, dass es viele andere Formen des Friedens gibt, zum Beispiel Frieden in Freiheit. Wobei sie zuerst die Freiheit des Wortes meinen, aus der doch alle andere Freiheit aufsteigt.
Ein politischer Autor wollten Sie niemals sein. Aber Ihre Texte haben Ihnen nicht gehorcht. Und insofern haben Sie den Preis doch verdient: so wie jene, die Ihnen hier vorangingen, zum Beispiel Manès Sperber, Leszek Kolakowski oder Václav Havel. Keiner von ihnen hätte sich - wie Sie - eine Laudatio in Form eines Blues auf dem Saxofon gewünscht. Doch Charlie Parker ist tot, Cannonball Adderley leider auch, und in der Big Band der deutschen Literaturkritik dürfte ich allenfalls das Mikrofon zur Verfügung stellen.
Ich stehe hier auf Ihren persönlichen Wunsch, wahrscheinlich weil ich einmal, ein einziges Mal den Namen Helmut Rahn in Ihrer Gegenwart zu nennen wagte, jenen Mann, der in Bern 1954 die Ungarn ins Unglück stürzte. Da verdunkelte sich Ihr Engelsgesicht. Zur Strafe erklärten Sie mir die Eigenschaft des ungarischen Prädikats, das angeblich ängstlich durch die Sätze husche auf der Suche nach seiner korrekten Vergangenheitsform. Jetzt also sind wir in der Nachspielzeit oder, wie Sie scherzen mögen, in der Nachkriegszeit, in der es immer noch keinen richtigen Frieden auf der Welt gibt, aber viele diesbezügliche Preise.
Elias Canetti war es, der angesichts der überwältigenden Flut von Geschichtsmonografien und historischen Ausstellungen bemerkte, dass ihn dieser gebannte Blick in unsere Vergangenheit an den Mann erinnere, der von einem Hochhaus in die Tiefe stürzt. Im rasenden Fall sieht er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen. Das war eine katastrophische Sicht auf das Ende von Geschichte.
Für Esterházy hingegen beginnt Geschichte, sobald er ein leeres Blatt Papier sieht. Er will Anfänge erzählen, lauter Anfänge. Das Ende hat Zeit. Um zum Ende von Geschichte zu kommen, muss der Dichter doppelt so schnell schreiben, wie er kann - wie Alice im Wunderland. Ihr Erfinder Lewis Carroll brachte eine poetische Variante von Zeit ins Spiel. Als seine Alice dem bekannt verrückten Hasen folgt, fällt sie in ein tiefes Loch, und der Sturz will nicht enden. »Entweder«, denkt Alice, »das Loch ist sehr tief oder ich falle sehr langsam.«
Er bringt die abgesunkenen Schätze der Vergangenheit an die Oberfläche
Diese aparte Hypothese wollen wir anerkennen als das Esterházy-Theorem. So nähern wir uns dem Kern seines Werkes und seines durchaus sportlichen Genies: Unter den Dichtern unserer Zeit ist er der Experte des langsamen Sturzes. Es stimmt, das wäre, mit Péter Esterházy gesprochen, »schlechter Deutsch«; denn in Wirklichkeit geht der Autor in die Bibliotheken und Archive, die von Budapest oder Berlin oder Hamburg, immer auf der Suche nach einer passenden Zitatblüte, die sich einpflanzen ließe in den labyrinthischen Park seines ruhig anwachsenden Werkes.
Die abgesunkenen Schätze der Vergangenheit, die Péter Esterházy an die Oberfläche bringt, hat er zum Mythos seiner Familie, seines Landes und zum Jahrhundert des Verrats mit allen seminarfüllenden Methoden und Schreibstilen der modernen Schriftstellerei poetisch verdichtet: Collage, Zitat, Bricolage von Sagen und Folklore, vor allem jedoch hyperbolische Satire, die noch jedem tragischen Moment - von der Hinrichtung eines seiner Vorfahren bis zum grotesken Gespräch Kaiser Wilhelms mit dem Großvater und Ministerpräsidenten Esterházy im Jahre 1917 - einen lachhaften Wahnsinn unterlegt. Den erkennen wir heute als politischen Kammerton des tribalistischen Europas im 19. und 20. Jahrhundert. Ihn so genau vorzuführen, dass jedes Originalzitat wie seine eigene Parodie wirkt, ist das große satirische Talent des Autors. Mit ihm hat er den familienzerstörenden Kräften des Totalitarismus ein gebührendes Denkmal gesetzt. Und insofern verbirgt sich hinter jeder scheinbaren parodistischen Fröhlichkeit des Autors angesichts historisch-politischer Absurditäten jener abgrundtiefe Kummer, der alle großen Satiriker auszeichnet und der jedem wahren Konservatismus zu Eigen ist.
Péter Esterházy kann alles, außer lügen. Dabei gibt er sich große Mühe. »Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt«, lautet der erste Satz seines Opus magnum Harmonia Cælestis . Aus dieser Schwierigkeit des Erzählers entstand vor Tausenden von Jahren der Mythos - was ja nicht nur Legende, Fabel oder Geschichte, sondern auch »Lüge« bedeutete. »Dichter«, sagt Harold Brodkey, »sind Lügner«, aber sie lügen sich die Wahrheit zusammen - im Falle Péter Esterházys diejenige seiner weit verzweigten Familie, die mit Ungarns Geschichte gleichzusetzen geradezu unvermeidlich ist.
Viel ist geschrieben worden über Esterházys Kunstgriff, fast jeden männlichen Vorfahren als »Meinvater« zu bezeichnen. Es ist ein biblisch alter Kunstgriff, mit dem in der Antike die Sinn und Legitimität vermittelnde Herkunft von Städten und ihren Herrschern erdichtet wurde: Immer höher wurden die Lebensjahre der königlichen Vorfahren, von 80 zu 100, von 100 bis zu 800 Jahre wurden sie alt, bis schließlich die genealogische Kette der direkten Herkunft aus dem heroischen Kreis der göttlichen Weltenschöpfer feststand. »Und die Herrlichkeit meines Vaters war für die Söhne anzusehen wie ein verzehrendes Feuer auf dem Gipfel des Berges«, heißt es im 236. Satz von Harmonia Cælestis - augenzwinkernd zitiert es der Dichter, aber ernst meint er es auch. »Mit Verlaub«, sagt Péter Esterházy, »wir sind immerhin die einzigen, die von den Nomadenvölkern übrig geblieben sind.« Da ist es umso wichtiger, Stammbäume zu hegen und zu pflegen: In ihren Zweigen scheint die Ordnung der Welt aufgehoben - wie sie hätte sein können, hätten die revolutionären Rodungsaktionen des 20. Jahrhunderts nicht alle Stammbäume gefällt. Der Dichter stellt sie wieder auf.
Unser erstes Wissen von der Ordnung der Welt entstammt, historisch betrachtet, kompakten Primärerfahrungen vom Kosmos, die im Mythos zur Sprache kamen. Stets kreisten sie um Fragen des Ursprungs, des Weltenanfanges, der Herkunft des Menschen - und ihrer Herrscher.
Betrachten wir die Geschichtsspekulationen der totalitären Ideologien und Staaten des 20. Jahrhunderts, so entdecken wir, dass ihre geradezu religiöse Anziehungskraft auf die Massen aus einer ähnlichen Sinn suchenden Bewegung stammt. Nur dass jene Ideologien ihr Kraftzentrum nicht mehr in den mythisch oder religiös tradierten Erfahrungen von Vergangenheit, sondern im Heilsversprechen einer besseren Zukunft auf Erden vermuteten. Bedauerlicherweise ist aber Zukunft ein erfahrungsleerer Raum. Eine Nation einzuschwören auf Zukunft allein bedarf darum außerordentlicher polizeilicher Anstrengungen, die wir längst beim Namen zu nennen gelernt haben: Propaganda, Lüge und Terror, in dieser Reihenfolge. Sie sind die totalstaatliche Praxis angewandter politischer Utopie. In Europas Konzentrationslagern und Gefängnissen, im Gulag saßen die Zweifler, die Menschen der Vergangenheit, die bewacht und ermordet wurden von den bewaffneten Utopisten der Zukunft, sei sie rassistisch oder als klassenloses Reich der Freiheit definiert. Jahrzehntelang lebten die Ungarn in diesem geisteswiderwärtigen Milieu, das auch die vergleichsweise milden Jahre des K d rschen Gulaschkommunismus bestimmte. Dabei ist Deutschlands historische Mitverantwortung an Ungarns Schicksal nicht vergessen.
Nun ist Péter Esterházy bei Gelegenheit unterstellt worden, kein aktiver Dissident, kein politischer Autor gewesen zu sein. Das ist falsch. Wir verstünden die innere Widerstandskraft seines gesamten Werkes nicht, noch den Motor seiner überschäumenden ironischen und satirischen Kraft, wollten wir vergessen, dass es im Schatten einer politischen Ideologie entstand, die Dichtung als politisches Instrument an die Ketten zu legen versuchte. »Das richtige Bewusstsein«, hatte Karl Marx einst an Ruge geschrieben, »ist eine Sache, die die Welt sich aneignen muss, auch wenn sie nicht will.« Das klappte aber nicht. »Meine Haltung«, sagt Esterházy, »war einfach eine sprachkritische Haltung. Letztendlich ging unsere so genannte Revolte um das Lachen. Für eine Diktatur ist es schon schwierig genug, wenn man über sie lacht. Wenn man aber in einer Diktatur lacht, ist das für die Herrschenden lebensgefährlich.«
Auf die Frage »Wer bin ich?« antwortet er mit »Wo komme ich her?«
Esterházys Bücher sind, mit wenigen Ausnahmen, poetische Gesten des Widerstands gegen die Zumutungen einer zukunftsgebannten Ideologie. Seine schriftstellerische Methode ist die Erinnerung. Erinnern kann das Bewusstsein nur seine eigenen Erfahrungen. So kommt es zu sich selbst. Esterházy sucht eine Kernfrage der Aufklärung - »Wer bin ich?« - mit der konservativen Frage »Wo komme ich her?« zu beantworten. In ihr steckt kein dynastischer Hochmut, sondern die permanente Anstrengung der Erinnerung in ironischer Form. In seinen Worten: »Als ich meine Familie erblickte, sah ich, dass sie groß war. Groß und reich und mit vielen Varianten versehen. Esterházy je nach Geschmack, extra large oder Achtrippige oder Geflügelte, Realisten, Demokraten, Patrioten, Landesverräter. Das hat so zu sein, dachte ich. Aber ich habe mich getäuscht. Heute kann ich glasklar erkennen, dass jeder Esterházy vom Scheitel bis zur Sohle ein außerordentlicher Mann ist.«
Die Esterházys also: Kaum geboren, wurde Péter 1951 mitsamt Familie um Besitz und Rang bestohlen, auf ein Dorf in der Puszta verbannt, zwischen Melonenfelder und Bohnenzüchter. Der bewaffnete, heroische Volksaufstand im Jahre 1956 stürzte das Land vollends in Anpassung und Melancholie. Zurück in Budapest, schrieb der studierte Mathematiker seine ersten Novellen - unter ihnen Fancsik¢ und Pinta -, eine zarte Erinnerung an zwei unernste imaginäre Kindheitsfreunde, zwei ironische Schattenfiguren, die wie akustische Halluzinationen durch das staatlich reduzierte Familienleben geistern.
Nach den Hilfsverben des Herzens und einer literarischen Verbeugung vor Bohumil Hrabal, nach Donau abwärts und anderen Texten folgt nach neunjähriger Arbeit Harmonia Cælestis : Rund 500 Jahre Esterházy im ersten Teil, fast ein halbes Jahrtausend ungarischer, österreichischer, tschechischer - also mitteleuropäischer Geschichte. Die Hunnen kommen und gehen, die Türken auch, dann die Deutschen, die Russen, nur die Esterházys bleiben, ein Vater folgt dem anderen, nur eines ist nicht linear: die Erzählung selbst.
Wie denn auch? Der Vater, dieses heilige Wort, bleibt gleichsam unsterblich im Roman stehen, ein Esterházyscher Seinsgrund, der unbewegte Beweger, die Ursache von allem, mal alt, mal jung, mal verliebt, mal betrunken, mal kriegerisch, mal flüchtig, mal großherzig, dann wieder tückisch, mal blind, mal visionär, mal goldbevliest, dann Geheimer Rat, und schließlich stellt sich der Sohn die ironische Frage: »Was ist der Unterschied zwischen meinem Vater und Gott? Der Unterschied ist klar zu erkennen: Gott ist überall da, während mein Vater überall ist, nur nicht da.«
Während Europas aufgeklärte Theologen sich auf einen Deus absconditus geeinigt haben, entdeckt der Dichter in den Sedimenten seiner Familienhistorie einen Pater absconditus, erfindet ihn neu und verleiht ihm ewiges Heimatrecht in der Literatur. Wäre er selbst ein paar Jahrhunderte früher geboren, so hätte er Joseph Haydn ein paar Noten vorpfeifen und sagen können: »Machen Sie was draus, Haydn.«
Doch in Wirklichkeit setzte er sich 1991 in ein Zimmer in Budapest, zerlegte seine Familiengeschichte in tausend kaleidoskopische Splitter und fügte sie wieder zusammen. Als er neun Jahre später herauskam, hatte er graue Haare und - so behauptet er - die Gicht. Er alterte also, während sein Geschöpf »Vater« gleich Alice ganz langsam in den endlos tiefen Hasenbau des Romans fiel und die Zeit stehen blieb in poetischer Gegenwart. Als Heizer auf der revolutionären Lokomotive der Geschichte wären beide, Vater und Sohn, ganz ungeeignet gewesen.
Viel ist geschrieben worden über seine Vatersuche und Vaterliebe, über Vaterverdammung, über Esterházys liebevolle Befreiungsschläge gegen den unablässigen Ansturm der Vatergestalten seiner Familie; der Hinweis auf Ödipus konnte nicht ausbleiben. Das Problem der heute 50- bis 60-jährigen Europäer war ja nicht, dass sie in einer vaterlosen Gesellschaft aufwuchsen, wie es hieß, sondern im Gegenteil, dass sie besondere Väter hatten, zumal hierzulande, aber auch in Ungarn, denen jahrelang die klassische Frage gestellt wurde: »What did you do in the war, Daddy?«
Esterházy ist, wie jeder Satiriker, konservativ. Er hasst Gewalt. Es gab eine Zeit, da in Deutschlands Soziologie-Seminaren noch jeder lokale Aufstand als »gesellschaftliche Kommunikationsform« interpretiert wurde, mit der ein sprachloser Mob seine Ansprüche gegen den Rest der Welt mittels Brandstiftung anmelden durfte: »Progressive Gewalt« galt als legitime Methode gesellschaftlichen Wandels. Man hatte seinen Pasternak gelesen, der die russische Revolution von 1905 glutvoll schilderte: »Gestern habe ich die nächtliche Versammlung beobachtet. Ein erstaunliches Beispiel. Mütterchen Russland hatte sich in Bewegung gesetzt. Es kann nicht stehen bleiben, es kann nicht genug gehen und reden. Sterne und Bäume versammeln sich, nächtliche Blumen philosophieren, und steinerne Gebäude halten Zusammenkünfte ab.«
Die Revolution als Naturereignis von lyrischer Kraft. Man kann es aber auch wie Péter Esterházy betrachten. Ungarn 1919, die Räterepublik etabliert sich auf dem Schlosshof; die Esterházys werden zum ersten Mal enteignet. Der Diener kommt: »Eure Exzellenz, ich würde es so sagen, bitte schön, die Kommunisten sind hier.«
Harmonia Cælestis stellt im zweiten Teil eine liebende, streitende, verzweifelte Familie in allen Phasen des sozialen Abstiegs, der seelischen und geistigen Nöte vor. Denunziationen, Verrat, die alltäglichen Gemeinheiten Ungarns auf dem Holzweg in die sozialistische Zukunft durchziehen die Texte, und sarkastisch wirkt der Trost einer Tante Esterházys, die dem Autor sagt: »Dein Großvater wurde sehr nett und menschlich, sobald er alles verloren hatte.« Der Vater hingegen wurde eines Tages abgeholt von den neuen Machthabern, wurde »geohrfeigt wie ein Kind, geprügelt wie ein Pferd; in ihrer ersten Not schlugen sie ihn auf die Nieren, dann systematisch den Körper, und besonders die Fußsohlen«. Das muss 1957 gewesen sein, ein Jahr nach dem Aufstand.
Danach wurde Mátyás Esterházy Spitzel des ungarischen Geheimdienstes, erst Mitarbeiter, dann Agent der berüchtigten Abteilung III/III. Hauptberuflich übersetzte er deutsche und französische Literatur; sein Sohn widmet ihm die letzten Zeilen seines großen Romans: »Mein Vater sitzt schon an der Hermes Baby, die ununterbrochen rattert, wie eine Maschinenpistole, er schlägt, er drischt auf sie ein, die Wörter fließen, fließen nur so aus ihr heraus, fallen aufs weiße Papier, Wörter, mit denen er nichts, aber auch gar nichts zu schaffen hat, niemals hatte und auch niemals haben wird.« Als er dies schrieb, kannte er die ganze Wahrheit noch nicht. Am 15. Januar 2000 notierte der Autor in seinem Tagebuch »Jetzt fertig« - nach neunjähriger Arbeit am Manuskript von Harmonia Cælestis . Kurz darauf erhielt er erstmals einen bestürzenden Einblick in die ungarischen Stasi-Dossiers seines Vaters. Die Entdeckung der Spitzeleien von Mátyás Esterházy für ein verachtetes, ja mörderisches System ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da ebenjenem Vater ein monumentales Denkmal der Zuneigung, der Liebe, aber auch der Skepsis und des Zorns zugedacht wurde, stellte alles in Frage: jene Liebe, die Wahrheit des Romans, ja, unsere Vorstellung von Literatur und selbst die von Geschichte. Den Autor stellte die Entdeckung auf eine Probe sondergleichen: Als moderner Mythopoet hatte er die Geschichte seiner Familie verdichtet und ironisch überhöht. Als liebevoller Sohn hatte er das Bild eines Vaters gezeichnet, der zum Opfer eines repressiven Systems geworden war. Nun stellte sich heraus, dass die politische Realität sein eigenes Leben, das seines Vaters und womöglich auch das Leben seines Romans vergiftet hatte.
Die Stasi-Berichte von Mátyás Esterházy sind von geradezu dröhnender Bedeutungslosigkeit. Jahrzehnte absolut nichtiger Denunziationen zeugen allerdings von einer übernatürlichen Allgegenwart des ungarischen Geheimdienstes; am Ende bespitzelten die Agenten einander und verfassten Dossiers über sich selbst. Das System erstickte an der eigenen steindummen Idiotie einer bürokratisierten Heilserwartung.
Péter Esterházy hätte schweigen können - und wäre so selbst ein Schuldiger jener Geheimkultur geworden, jener Mentalität, die überall eine zweite Wirklichkeit mitdenkt und zugleich vertuscht. Oder er hätte sein Buch zurückziehen können in einer tragischen Geste des Verzichts. Aber das wäre der letzte und womöglich größte Sieg des kommunistischen Ungarn über die Freiheit der Dichtung gewesen.
So blieb nur ein Ausweg offen - der Ausweg in die Wahrheit. In einer der schmerzhaftesten Übungen zeitgenössischer Literatur vertiefte sich der Autor in die Dossiers seines Vaters und legte eine Verbesserte Ausgabe von Harmonia Cælestis vor. Es ist nicht nur ein Dokument politischer Infamie, sondern zugleich ein bewegendes Buch über den Verlust der Heiterkeit, des Sprachwitzes angesichts der brachialen Humorlosigkeit einer auf Angst und Verrat gegründeten Einparteienherrschaft.
Alle Versuche, Geschichten zu erzählen, führen zur Geschichte zurück
Dass wir für immer in trostlosen Zeiten leben müssen, hatte Esterházy nie geglaubt. Dass aus der Schönheit, dem Witz, der Ernsthaftigkeit des literarischen Komödiantentums Trost erwachse, scheint sein dichterisches Programm. Und es wurde angesichts der väterlichen Geheimdienstdossiers nicht aufgehoben, sondern aufs schwierigste legitimiert. Noch einmal blieb die Zeit stehen, schien Geschichte einzufrieren in der Lektüre des Verrats. Mit dieser Erfahrung umzugehen, ohne zu verzweifeln, ist seine besondere Leistung.
In Ungarn, in Polen und natürlich auch in Deutschland werden Sinn und Zweck der Stasi-Unterlagen-Behörden diskutiert. Die Schlussstrich-Debatte hat in Deutschland eine lange Tradition. Sie entstammt dem Bedürfnis der Menschen nach Ruhe, vielleicht aber auch der Enttäuschung darüber, dass noch dem geringsten Sinn von Geschichte ein ganz anderer unterliegen könnte: nämlich die Ahnung, dass politischer Machterhalt die schwärzeste Bösartigkeit im Menschen mobilisieren kann. Diese Ahnung zu unterdrücken dient indes nur jenen, die sich als Denunzianten schuldig gemacht haben, nicht aber ihren Opfern - und das waren nicht nur die Bespitzelten, sondern auch ihre Familien und Freunde, die Mehrheit also in all jenen Stasi-durchsetzten Gesellschaften Europas.
Diese Wahrheit zur Sprache gebracht zu haben ist ein moralischer Gewinn. Hinter dem Witz, hinter der Wortmächtigkeit seines Werkes steht ein Schriftsteller, dessen dichterisches Geheimnis in einer besonderen Erfahrung beschlossen ist - dass alle literarischen Versuche, Geschichten zu erzählen, irgendwann zurückführen auf die Geschichte selbst. Und die ist von Jahrhundert zu Jahrhundert von einer Vater- zur nächsten Vatergeneration Europas immer ernster geworden, bis sie zuletzt auch den Ausweg in das Gelächter verschloss. Dass wir aber selbst darüber nicht schweigen, sondern sprechen und zumindest lächeln können, dieses rettende Paradox verdanken wir den Dichtern.
Jetzt also der Friedenspreis. Und weil dieser Frieden zumindest auch der Verständnis stiftenden Kunst Ihrer begnadeten Übersetzerinnen und Übersetzer zu verdanken ist, will ich nicht nur Ihnen, sondern allen jenen gratulieren, die Ihr Werk aus dem Luxusquartier der ungarischen Sprache entführt haben in die Weltliteratur unserer Zeit, also den Dolmetschern Ihres Witzes, den Lektoren und Verlegern, den Herstellern und Verlagsvertretern, den Buchhändlern und natürlich auch und vor allem - den Lesern. Sie alle aber verbeugen sich mit mir dankbar vor Péter Esterházy.
Eine Auswahl der Bücher von Péter Esterházy:
Harmonia CælestisRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Terézia MoraPéter EsterházyBuchBerlin Verlag2003Berlin14,90920Terézia MoraungarischVerbesserte AusgabeRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Hans SkireckiPéter EsterházyBuchBerlin Verlag2003Berlin22,00374Hans SkireckiungarischFancsikó und PintaRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Zsuzsanna GahsePéter EsterházyBuchBerlin Verlag2004Berlin7,50144Zsuzsanna Gahseungarisch- Datum 14.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.10.2004 Nr.43
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