Friedenspreis Die Trauer und das GelächterSeite 5/5
Alle Versuche, Geschichten zu erzählen, führen zur Geschichte zurück
Dass wir für immer in trostlosen Zeiten leben müssen, hatte Esterházy nie geglaubt. Dass aus der Schönheit, dem Witz, der Ernsthaftigkeit des literarischen Komödiantentums Trost erwachse, scheint sein dichterisches Programm. Und es wurde angesichts der väterlichen Geheimdienstdossiers nicht aufgehoben, sondern aufs schwierigste legitimiert. Noch einmal blieb die Zeit stehen, schien Geschichte einzufrieren in der Lektüre des Verrats. Mit dieser Erfahrung umzugehen, ohne zu verzweifeln, ist seine besondere Leistung.
In Ungarn, in Polen und natürlich auch in Deutschland werden Sinn und Zweck der Stasi-Unterlagen-Behörden diskutiert. Die Schlussstrich-Debatte hat in Deutschland eine lange Tradition. Sie entstammt dem Bedürfnis der Menschen nach Ruhe, vielleicht aber auch der Enttäuschung darüber, dass noch dem geringsten Sinn von Geschichte ein ganz anderer unterliegen könnte: nämlich die Ahnung, dass politischer Machterhalt die schwärzeste Bösartigkeit im Menschen mobilisieren kann. Diese Ahnung zu unterdrücken dient indes nur jenen, die sich als Denunzianten schuldig gemacht haben, nicht aber ihren Opfern - und das waren nicht nur die Bespitzelten, sondern auch ihre Familien und Freunde, die Mehrheit also in all jenen Stasi-durchsetzten Gesellschaften Europas.
Diese Wahrheit zur Sprache gebracht zu haben ist ein moralischer Gewinn. Hinter dem Witz, hinter der Wortmächtigkeit seines Werkes steht ein Schriftsteller, dessen dichterisches Geheimnis in einer besonderen Erfahrung beschlossen ist - dass alle literarischen Versuche, Geschichten zu erzählen, irgendwann zurückführen auf die Geschichte selbst. Und die ist von Jahrhundert zu Jahrhundert von einer Vater- zur nächsten Vatergeneration Europas immer ernster geworden, bis sie zuletzt auch den Ausweg in das Gelächter verschloss. Dass wir aber selbst darüber nicht schweigen, sondern sprechen und zumindest lächeln können, dieses rettende Paradox verdanken wir den Dichtern.
Jetzt also der Friedenspreis. Und weil dieser Frieden zumindest auch der Verständnis stiftenden Kunst Ihrer begnadeten Übersetzerinnen und Übersetzer zu verdanken ist, will ich nicht nur Ihnen, sondern allen jenen gratulieren, die Ihr Werk aus dem Luxusquartier der ungarischen Sprache entführt haben in die Weltliteratur unserer Zeit, also den Dolmetschern Ihres Witzes, den Lektoren und Verlegern, den Herstellern und Verlagsvertretern, den Buchhändlern und natürlich auch und vor allem - den Lesern. Sie alle aber verbeugen sich mit mir dankbar vor Péter Esterházy.
Eine Auswahl der Bücher von Péter Esterházy:
Harmonia CælestisRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Terézia MoraPéter EsterházyBuchBerlin Verlag2003Berlin14,90920Terézia MoraungarischVerbesserte AusgabeRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Hans SkireckiPéter EsterházyBuchBerlin Verlag2003Berlin22,00374Hans SkireckiungarischFancsikó und PintaRomanBelletristikA. d. Ungarischen v. Zsuzsanna GahsePéter EsterházyBuchBerlin Verlag2004Berlin7,50144Zsuzsanna Gahseungarisch- Datum 14.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.10.2004 Nr.43
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