Ein Mann auf der Flucht. In Blue Jeans und Knitterhemd, die grauen Haare verzottelt, als wollte er sich tarnen, sich verstecken in Gewöhnlichkeit, damit ihn auch bloß niemand erkennt, ihn, den begehrten und verehrten Künstlerheroen. Bruce Nauman hetzt durch die gigantische Turbinenhalle der Tate Modern in London , es soll alles perfekt sein für seine große neue Installation, und die Technik will noch nicht so, wie er es will. Er wirkt mitgenommen an diesem Vormittag, ausgezehrt, das Gesicht fast erloschen. Als dann auch noch ein Fotograf kommt und es auf ihn absieht, erstarrt er vollends. Erst im Gespräch kommt er wieder zu sich, die Augen ganz weit, ein schüchternes Lachen.

 

DIE ZEIT: Sie mögen keine Interviews.

Bruce Nauman: Ja, das stimmt wohl. Ich finde es schon unangenehm genug, meine Kunst öffentlich zu machen.

ZEIT: Warum das?

Nauman: Na ja, ich lasse da schon sehr viel von mir selbst raus. Ich stelle etwas Persönliches in einen unpersönlichen Raum, ins Museum. Und ich weiß nicht, was dort mit meiner Kunst geschieht, wie sie aufgenommen wird. Da bin ich natürlich ein bisschen nervös. Und eine Riesenhalle wie die hier in der Tate Modern wirkt auf mich sehr einschüchternd. Man kann sich in ihrer Leere wirklich verlieren. Selbst die großen Henry-Moore-Skulpturen, die ich hier mal gesehen habe, konnten sich da nicht behaupten.

ZEIT: Trotzdem haben Sie das Angebot der Tate nicht ausgeschlagen.

Nauman: Ich habe das lange überlegt. Was mir an der Halle aber gefiel, war das untergründige Brummen des Stroms, das von den Umspanngeräten nebenan kommt. Da dachte ich, dass sich vielleicht mit Klang der Raum angemessen füllen lässt. Klänge haben ja etwas Unmittelbares, man kann ihnen nicht entgehen. Erst wollte ich Töne und Sätze erfinden, aber dann wurde mir klar, dass ich ja in meinem Archiv sehr viele Klänge besitze. Und so kann man nun beim Durchschreiten der Halle lauter Tonspuren meiner Arbeiten aus den letzten 40 Jahren hören.

ZEIT: Es ist eine Ausstellung ohne Bilder und ohne Zentrum. Wollten Sie so vermeiden, dass die Kunst in dieser Museumskathedrale zu einem Objekt der Anbetung und Erlösung wird?

Nauman: Das kann wohl sein. Mit Erlösung hat meine Kunst nur wenig im Sinn. Ich bin auch kein religiöser Mensch. Wissen Sie, ein paar gute Freunde von mir fühlen sich sehr dem Zen-Buddhismus verbunden. Und doch haben sie dieselben Probleme wie wir alle, sie verlieren ihre Arbeit, ihre Ehen zerbrechen, sie betrinken sich. So ähnlich ist das auch mit der Kunst, sie befreit uns von gar nichts. Vielleicht hilft sie manch einem, sich selbst besser wahrzunehmen. Aber selbst das weiß ich nicht so genau.

ZEIT: Ihre Kunst dient nur der Kunst?

Nauman: Ganz so weit würde ich nicht gehen. Im besten Falle verleiht sie uns eine Art Energie. Aber das verändert die Leute nicht. Sie gehen zurück in ihre Welt, in ihr Leben und tun, was sie tun. Nur ganz selten kann die Kunst etwas verschieben.

ZEIT: Ist Ihnen das mal so ergangen?

Nauman: Eigentlich nur ein einziges Mal, 1968 war das. Da betrat ich ein dunkles Kabinett der National Gallery hier in London und sah diese Zeichnung von Leonardo da Vinci, die Madonna mit Jesus und Johannes. Es war so bewegend. Ich erblickte dieses Kunstwerk und dachte: Oh, das war wohl eine andere Art von Mensch. Immer wenn ich in London bin, sehe ich mir dieses wunderbare Blatt wieder an.

ZEIT: Hat Sie diese Erfahrung verändert?