Der Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek ist ein Schock, von dem sich noch niemand ganz erholt hat. Die stotternden Gratulanten nicht, denen die abgenutzten Kampfparolen – unbequem, mutig, unerschrocken, obsessiv, sprachmächtig – nur zögernd von den Lippen perlten. Der Buchhandel nicht, der tagelang noch nicht einmal die wichtigsten Titel bereitstellen konnte. Die österreichische Schmutzpresse nicht, die sich in den eiligst zurückbeorderten Schlingen ihrer Schmähsucht verhedderte. Und zuletzt die Geehrte selbst nicht, die sich verzweifelt zeigte und den Eindruck erweckte, den Preis am liebsten an Peter Handke weiterreichen zu wollen.

Was also hat sich die Schwedische Akademie dabei gedacht, als sie, an den großen Autoren der Weltliteratur – an Roth, Mayröcker, Les Murray, Pynchon, Don DeLillo, Updike, Oates, Bitow – vorbei, den bedeutendsten Literaturpreis der Welt an eine mutige, unerschrockene Heldin des innerösterreichischen Widerstandes verliehen hat? Die Entscheidung hat den Chic des Unkonventionellen. Krönt man hier doch nicht eines der großen Festspielhäuser der Literatur mit ihren Haupt- und Nebenbühnen, ihrem reichen Repertoire, ihrer reifen und breiten literarischen Erfahrung. Vielmehr ehrt man eine kleine, schlecht ausgestattete Avantgardebühne, die vor den immergleichen Kulissen in standardisierter Kostümierung unter wechselnden Titeln vor einer eingeschworenen Gemeinde das immergleiche Stück aufführt. Elfriede Jelinek ist eine Heilige der menschlichen Schlachthöfe und hat für ihre inbrünstigen Ekstasen des Negativen Lob und Ehre verdient. Dennoch sieht es in diesem Fall ganz so aus, als habe man einem Hamster im Laufrad den weltweit bedeutendsten Preis für Langstreckenlauf verliehen.

Dies ist ein merkwürdiges Missverständnis, an dem Elfriede Jelinek ganz unschuldig ist und das ihr Werk schon lange umgibt: Man hält es allgemein für reich, sprachgewaltig, vielschichtig, beschenkt mit überbordender Redundanz. "Elfriede Jelinek schreibt nicht Bücher, sie schreibt Bücher voll", schrieb eine Autorin einmal, nicht ohne fröstelnde Bewunderung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ihre Bücher sind leer. Und wollen es sein. Leer an Erfahrung, leer an Gefühlen, leer an Poesie. Es gibt in ihnen keinen Himmel, keine Liebe, keine Gedanken, keine Farben, keine Töne, keinen Geruch, kein Licht, keine irdische und keine überirdische Welt. Es gibt nur eine einzige Materie und von dieser wie zum Ersatz unerschöpflich viel: Müll. Menschenmüll, Naturmüll, Beziehungsmüll, Liebesmüll, Familienmüll, Medienmüll, Sprachmüll.

Betritt man den Kosmos der Jelinekschen Bücher, verwandelt sich die ganze Welt mit einem Wimpernschlag in eine Kloake, werden aus Männern gewaltgeile Schweine, aus Frauen lüsterne unterwerfungsbereite Säue, aus der Steiermark ein Leichenfeld. Wie das in Österreich eben so ist, die Wirklichkeit ein wenig zugespitzt, "zur Kenntlichkeit entstellt", so hieß das in den guten alten Zeiten, in denen die Avantgarde der amtierenden Literaturkritik die frühen Romane wir sind lockvögel baby! und Lust mit masochistischer Inbrunst – "intellektuelle Leseherausforderung", "aufregende aggressive Geschmacklosigkeit" – begrüßte.

Elfriede Jelineks unerbittlichem Kampf gegen Hirschhornknöpfe, gegen Österreich, gegen die Sport-, die Freizeit- und die Medienindustrie, gegen Spieß- und Kulturbürgertum, gegen Pornografie und Patriarchat kann man nur aus tiefstem Herzen zustimmen. Ihre Methode hingegen, die schrille, hochmotorisierte und vorauseilende, in jedem Fall totale Identifikation mit dem ins Groteske verzerrten Aggressor, fügt dem bekannten Gruselkabinett außer Rechthaberei nichts Neues hinzu. Die züchtige Gouvernante, die Frank Castorf in seiner Hamburger Inszenierung von Raststätte oder sie tun es alle in Gestalt einer bezopften übergroßen blinkenden Jelinek-Puppe auf die Bühne rollen ließ, war noch ein liebevoller Kommentar zur Engstirnigkeit des geheimnisvollen Originals. "Im Grunde weiß ich nicht viel über das Leben", hat Elfriede Jelinek einmal gesagt, "aber ich muss es auch gar nicht kennen, weil ich weiß, wie es läuft."

Mit anderen Worten: Das Schwedische Nobelpreiskomitee zeichnet ein Werk aus, das wie wenig andere noch immer mit beiden Beinen in der Nachkriegszeit und ihren hysterischen Schuldzuweisungen steckt. Wenn Elfriede Jelinek ihren Figuren jede wirkliche Erfahrung, jede Berührung mit einer noch nicht zurechtgestutzten, noch nicht zur Farce verkleinerten Wirklichkeit verweigert und sie stattdessen auf einem durchideologisierten Schrottplatz der Gemeinplätze und Gewaltanwendungen wortreich verkümmern lässt, dann schreit dieses demagogische Verfahren nach Anklage und Rache. Moralisch ein Volltreffer, ästhetisch eine Kapitulation, literarisch letzten Endes provinziell.

Sie lebt vor dem Fernseher. Könnte den mal einer ausstellen!

Dies ist die größte Merkwürdigkeit dieser staunenswerten Entscheidung: Auch eine Anti-Heimat-Literatur ist Heimatliteratur, und noch die schonungsloseste Demaskierung des österreichischen katholischen Kleinbürgertums trägt Züge desselben. Großer Hass und große Liebe gehören zusammen, und schon ein paar hundert Kilometer weiter sind beide kaum noch zu verstehen. Will sagen: Österreich ist ein sehr kleines Land und Elfriede Jelinek eine große regionale Schriftstellerin. Ob es wohl in Bukarest, in Baltimore eine junge Leserin gibt, die noch versteht, was es mit den ungezählten zerhackten Geschlechtsteilen, den Sperma-Hostien, den vergewaltigenden Skifahrern und überhaupt mit dem ganzen surrenden und klingenden Jelinekschen Motivteppich aus Zerstörung, Lodenjoppen, Fäulnis, Lederhosen, Fernsehbildern und Apokalypse im Einzelnen auf sich hat?