Auch wenn sich das in Deutschland kaum jemand vorstellen kann: Die Weltwirtschaft boomt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nordamerika, China und neuerdings Japan sind treibende Kräfte. Ein Plus beim Wachstum von fünf Prozent weltweit erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses Jahr, und davon wird die Dritte Welt genauso profitieren wie die Schwellenländer und die Mehrzahl der Industrienationen. Die Sache hat nur einen Haken: Der IWF geht von einem Ölpreis von 37 Dollar aus, aber der hat mittlerweile die 50Dollar-Grenze überschritten. Aus der Traum vom Superjahr?

Vorerst hält sich das Wehgeschrei in Grenzen. Ungewissheit, ja. Aber Angst vor einem Crash? Mitnichten. "Bisher sind die konjunkturellen Bremsspuren des Ölpreisanstiegs kaum eindeutig auszumachen", analysierte vergangene Woche die Deutsche Bank. Selbst skeptische Einschätzungen klingen nicht gerade alarmierend. Wie etwa vergangene Woche aus dem Mund von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB): "Würden die Ölpreise hoch bleiben oder sogar weiter steigen, könnte dies die Stärke der wirtschaftlichen Erholung sowohl innerhalb als auch außerhalb des Euro-Währungsgebiets dämpfen." Dämpfen, nicht stoppen.

Dabei müsste die Erinnerung an frühere Ölkrisen den Prognostikern eigentlich schlaflose Nächte bereiten. Als nach dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 die Staaten der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) über die USA und Teile Europas einen Lieferboykott verhängten und die Ölpreise in die Höhe schnellten, geriet das fast zum Kulturschock. Den Europäern wurde erstmals bewusst, wie stark ihre Industriegesellschaft von Ressourcen abhängig war, auf die sie keinen Zugriff hatten.

Der Preis für das Fass Rohöl (159 Liter) vervierfachte sich von etwa drei auf mehr als zwölf Dollar. Die unmittelbare Folge: 1973 und 1974 stiegen die Verbraucherpreise in der Bundesrepublik jeweils um 6,9 Prozent. Im Februar 1974 drückten dann die Staatsdiener bei den Tarifverhandlungen Lohnsteigerungen von zwölf Prozent durch. Die Bundesbank kämpfte mit hohen Zinsen gegen die Inflation an – prompt brachen im Herbst Exporte und Konjunktur ein. Nach Nullwachstum 1974 schrumpfte die deutsche Wirtschaft im Jahr danach um 1,3 Prozent.

Die große Ölkrise der Siebziger geriet in Europa zum Kulturschock

Eine zweite drastische Preissteigerung entstand in den Jahren 1979 und 1980, als sich nach dem Krieg zwischen Iran und dem Irak in wichtigen Ölförderländern der Golfregion eine große Unsicherheit breit machte. Erneut kletterte die Teuerungsrate in der Bundesrepublik bis auf 6,3 Prozent (1981), und sofort geriet die deutsche Konjunktur wieder ins Trudeln. 1982 schrumpfte das Bruttosozialprodukt dann um 1,1 Prozent. Immerhin ging es von da an bergab mit dem Ölpreis, 1990 lag er zeitweise wieder deutlich unter der damals relevanten Grenze von 20 Dollar.

Heute bewegen sich die Ölpreise in ganz anderen Sphären – und dennoch besteht kein Grund zur Panik. Eine zentrale Erklärung: In realen Größen gemessen, liegt der Ölpreis heute immer noch unter den bisher erlebten Spitzenwerten. Berücksichtigt man die Teuerung in den vergangenen Jahren, dann ist der heute effektiv zu zahlende Preis für das Fass Öl von etwa 50 Dollar real niedriger als der Spitzenpreis Anfang der achtziger Jahre von annähernd 40 Dollar. Heute würde erst ein Preis von mehr als 70 Dollar den Rekord von damals brechen. Hinzu kommt, dass seit einigen Jahren der starke Euro den in Dollar berechneten Ölpreis dämpft. Die Europäer werden also weniger hart getroffen als die Amerikaner.

Die entscheidende Frage ist: Wie lange bleibt der Ölpreis so hoch?