Roman Rampentiger
»Der Dichter und die Meerschweinchen«, ein Roman aus dem Nachlass des großen Kritikers Alfred Kerr
Ein »fahles Undasein« nannte Alfred Kerr 1926 den Landaufenthalt der Tschechowschen . Aber auch London kann ein Lebensniemandsland sein. Davon erzählt Kerrs erst jetzt veröffentlichter Roman Meerschweinchen. In einem bescheidenen
Kerrs Theaterberichte, im Berliner Tageblatt erschienen, waren vom Fluidum des Spektakulären begleitet; er selber ein Star, sein Erscheinen im Zuschauerraum ein theatralischer Auftritt, und seine Spracherfindungen – Karl Kraus nannte sie »impressionistische Fetzen« – boten der ganzen Stadt Gesprächsstoff. Der Roman öffnet nun den Blick dafür, dass Kerr nicht nur über eine berserkerhafte Rhetorik und ein scharfes Auge für szenische Vorgänge verfügte, sondern auch über die Eigenschaft, für das so genannten Leben keine Begabung zu haben, ihm erst in seiner dramatisch durchgearbeiteten Form etwas abgewinnen zu können. Die Tätigkeit eines hochleistungstrainierten Theaterkritikers mag zu spezifischen Formen einer déformation professionelle führen. Wie meistert er den Umgang mit auftrittsungeübten, bühnenfremden Personen? Mit Leuten in ihrem Komm-wie-du-bist-Zustand? In ihrer reinen Rohstofflichkeit? Das Londoner Exil bot Kerr ausreichend Gelegenheit, sich diese Fragen zu stellen. Und er fand auch eine Antwort darauf: Der Theaterkritiker fühlt sich nicht gut dabei.
Aus öden »Durchschnittlern« kann er noch Funken schlagen
Sein autobiografischer Roman (notdürftig verfremdet durch eine Erzählerfigur namens Clemens Teck) beschreibt, selbstironisch, parodistisch, den künstlerischen Umerziehungsprozess, den er den Mitbewohnern seiner bescheidenen Londoner Unterkunft, Schutzsuchende so wie er selbst, zuteil werden lässt. Der Dichter und die Meerschweinchen zeigt ihn bei seinem Versuch, aus öden »Durchschnittlern« funkenschlagende Akteure, Rampentiger des Lebens zu machen. Der Autor als Laborchef: Schicksal spielend als Liebesgott und Talente-Scout. Ein Kulissenbauwerk wird errichtet und zwischen Treppenhaus und Frühstücksraum zügig besiedelt. Den Nichtsahnenden wird das Drama wie eine Virusimpfung verabreicht und, in Kerrs Worten, »die gigantische Kleinwelt des Inneren im senkrecht zweibeinigen Säugetier« angestoßen, aufgescheucht; zur großen Szene hingeprügelt. Ein Fräulein Schröder und die Luxemburgerin Emma müssen ihre Rollen in einem tyrannischen Liebesszenario übernehmen, und ein Herr Jahn wird mit der Aussicht auf späteren literarischen Ruhm rebellisch gemacht. Jahn scheidet allerdings frühzeitig aus dem skurrilen Ensemble aus, verhaftet wegen Zechprellerei.
Viel Glück hat Alfred Kerr als Chef seines Theaterimaginariums jedenfalls nicht. Seine Meerschweinchen – er nennt sie auch »Findlinge« oder »Insassen« – laufen niemals wirklich zur gewünschten Hochform auf. Ihr Einherschreiten auf dem von ihm verschriebenen »erhöhten Schuhwerk« bleibt Stückwerk. Nur einmal dringt die große Bühne tatsächlich in seine Wirklichkeit vor, als eine Bombe bei einem der nächtlichen deutschen Luftangriffe die Wände des Nachbarhauses wegsprengt und Wohnungen ungeschützt zu besichtigen sind, offen liegend »wie eine Puppenstube«.
Ließe es die Form des Textes zu, ihn als szenischen Reigen zu lesen, könnte man sich an Details erfreuen: Darin ist und bleibt dieser egozentrische Wahrnehmungskünstler ein Meister. Der Ton ist auf Komik gestimmt, aber was in Berlin funktionierte – unter Bedingungen der Rasanz und des vorprogrammierten Erfolges –, hat hier, im Rahmen eines Romanprojekts, auf fremdem Terrain einen schweren Stand. Kerr traut seinem Sprachrepertoire bedingungslos alles zu, darauf setzend, dass das, was er aus besseren Tagen mitbringt, tragfähig genug ist, um Raum und Zeit im Fluge zu nehmen. Zweifel stellen sich erst allmählich ein, das »wurmstichige« Unternehmen gleitet ihm aus den Händen. In der Tat werkelt der selbst ernannte »Experimentator« mit seinen Objekten herum wie ein Anatom, der menschliche Körper und Herzen zum Strammstehen verführen will.
Ein Theaterkritiker muss die Fähigkeit haben, Recht zu behalten
Die kurzatmige, Willkür und Schlüssigkeit virtuos bündelnde Sprache des Theaterrezensenten gerät in den Stau quälender Selbstbetrachtungen. Selbstbeschuldigung ist sicherlich eine für den Sprachduktus des Kritikers vernichtende Haltung. Zur Falle wird dem Romanautor auch, was in den Berliner Zeiten ein Potenzial darstellte: Eitelkeit. Robert Musil hatte in einem großen Essay Alfred Kerr mit dem Satz charakterisiert, ein Theaterkritiker zeichne sich durch »die Fähigkeit« aus, »recht zu behalten«.
- Datum 14.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.10.2004 Nr.43
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