medizin Pyrrhussieg gegen PolioSeite 3/3

»Endspiel« nennen die WHO-Experten die Phase des von ihnen favorisierten Impfstopps, die ebenfalls ein großes Risiko birgt. »Impft nur ein einziges Land weiter, ist der ganze Plan gescheitert«, fürchtet Sutter. Das rückmutierte Impfstoffvirus könnte sich in Windeseile ausbreiten und alle Früchte des Drei-Milliarden-Programms vernichten. Befehlsgewalt über die mehr als 200 Staaten der Erde hat die WHO nicht. Noch ist sich die Organisation nicht im Klaren darüber, wie sie auf eine erneute Polio-Epidemie reagieren müsste. Denn die Bekämpfung mit dem Lebendimpfstoff, bei der Millionen von Kindern frisch geimpft werden müssten, erhöhte das Risiko weiterer Ausbrüche. Sie seien gezwungen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, klagen Sutter und seine Kollegen in einem Bericht. »Wir verfügen über keine glaubwürdige Methode zur Bekämpfung eines Ausbruchs, die nicht ein merkliches Risiko trägt, dass sich Impfviren in aller Welt ausbreiten werden und die Impfung wieder überall nötig sein wird.» Trotzdem sieht Sutter keinen anderen Weg, als die Impfungen nach der Ausrottung abzubrechen und eine Milliarde Vakzindosen zu horten, um für Rückfälle gewappnet zu sein. »Wir können das Risiko für die kommende Generation minimieren, aufheben können wir es nicht.« Doch manche Forscher propagieren eine Alternative zum Impfstopp. Sie wollen weiter impfen, allerdings mit einem anderen Vakzin, das aus toten Viren besteht. Viele Industrieländer haben bereits auf dieses Präparat umgestellt. Das Totvakzin ist mit einem Preis von über einem Euro allerdings zwanzigmal so teuer wie der Lebendimpfstoff und kann nicht geschluckt, sondern muss von Fachpersonal gespritzt werden. Außerdem ist unklar, wie gut die Alternative geschwächte Kinder in Entwicklungsländern schützt.

Zu all diesen Hürden für eine Welt ohne Kinderlähmung kommt seit den Anthrax-Anschlägen im Herbst 2001 ein weiteres Hindernis. Tausende von Labors horten in ihren Gefrierschränken Polio-Viren. Sie ergeben zwar keine optimale Biowaffe, aber eine ungeschützte Generation von Kindern wäre für Terroristen vielleicht ein verlockendes Ziel. Deshalb will die WHO alle Viren in Forschungseinrichtungen bis auf wenige Ausnahmen zerstören lassen. Dass die Angst vor breit gestreuten Restbeständen begründet ist, zeigte vor zwei Jahren ein Vorfall in Indien. Damals entwich ein Polio-Virus aus einem bis heute nicht ermittelten Labor – und infizierte ein halbes Dutzend Personen.

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Eine Garantie stellt ein Lagerverbot für Polio allerdings auch nicht dar. Denn wer könnte es kontrollieren? Trotz der düsteren Aussichten üben sich die meisten Experten in Zweckoptimismus. Sie hoffen, dass das Mammutprojekt nicht vergebens sein wird. »Diese Partie ist nicht fertig gespielt«, sagt Paul Fine, »ich hoffe, wir werden triumphieren.«

 
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