Ich sitze in Nabokovs Suite. Hier hat er mit Vera Schach gespielt. Sie haben jeden Tag mit den Staunton-Chessman-Figuren gespielt. Nabokovs Leben bestand aus Schach, Schmetterlingen und dem Schreiben. Ich sitze in der Mitte des Zimmers. Es ist nicht mehr Nabokovs Suite. Renovierungen haben sie ihrer Identität beraubt. Die Schmetterlinge und grotesken Gesichter, die Nabokov auf Badezimmerkacheln und Wänden zeichnete, sind nur noch Legende. Die Badewanne, die er täglich zu nutzen pflegte, gibt es nicht mehr. Es gibt ein Bidet, eine Dusche, ein Doppelwaschbecken. Die Suite wurde parzelliert. Der Zeitgeist ist eingekehrt. Nabokov glaubte nicht an Zeit. Ada, der große Altersroman, den er in diesem Zimmer schrieb, negiert Zeit und schöpft einen anderen Raum. Von den alten Räumen geblieben ist die Ahnung einer einzigartigen Zeit. Wer weiß, welche Wände eingezogen, welche herausgenommen wurden.

Geblieben sind sechs von acht Zimmern. Geblieben ist der Mythos. Für mich ist das heute hellblau gestrichene Chambre 065 trotz allem Nabokovs Suite. Hier hat er von 1961 bis 1977 gelebt. Heute haben alle Zimmer Air-Condition und ein Nokia-TV-Gerät, und es gibt vier Erotikfilme im Hausprogramm. Ich sitze in der Mitte des Zimmers und spüre dem Geist einer Symbiose nach, der legendären Verbundenheit eines großen Künstlers mit einem großen Hotel. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Hotelliteraten, Fitzgerald, Proust, Hemingway. Niemand aber war so verwachsen mit einem Haus wie der Verdichter aus St. Petersburg. Man könnte sagen: Nabokov war das Montreux Palace. Er war der Palastpoet.

Meine Ankunft war unspektakulär. Der Zug kam von Genf über Lausanne, hielt im kleinen Bahnhof von Montreux, ein paar Reisende stiegen aus. Ich nahm ein Taxi, der Fahrer scherte ein auf die Avenue des Alpes. Für 12 Franken ging es 300 Meter hügelabwärts auf die Grand Rue vor den Südeingang des Palace Hotels. Ein schwarz-rot livrierter Concierge nahm meinen Koffer in Empfang. Er war um die 70 und hätte Nabokov noch kennen und also berichten können, ob Monsieur ein zuvorkommender, origineller, lustiger, arroganter, unnahbarer oder verschrobener Mensch gewesen ist. Hier hätte ich die Spur bereits aufnehmen können, entschied mich hingegen für eine angedeutete Verbeugung, trat ein ins Palace und ging an der Brasserie vorbei die Marmorstufen der Freitreppe hinauf. Zweifelsohne hatte der Innenarchitekt eine Vorliebe fürs Vexierspiel, für Glasellipsen und holzgerahmte Spiegel an Wänden und Türen, für das fast Nabokovsche Theater multipler Identitäten.

Langhaarige Rucksacktouristen ließ er den ganzen Tag warten

Ich erreichte die Rezeption. Rechter Hand öffnete sich die Grand Hall mit ihren vier sandfarbenen Marmorsäulen und sechs hochgespannten Bögen. In der Hallenmitte war ein Kreis aus dunklem Fischgrätenparkett. Auf dem Boden standen Kunststoffamphoren mit Palmen und Schilfgewächs. In den Türspiegeln reproduzierten sich die vier symmetrisch aufgehängten Kronleuchter, das künstliche Licht flimmerte zigfach vervielfältigt. Schüchtern forderten kleine Elektrokerzen der Wandlampen ein wenig Beachtung in dieser monomanen Umgebung.

Der Geruch von altgedientem Holz umfing mich, die Gediegenheit einer in goldgelben warmen Tönen vergilbten Tradition und einer dennoch erhabenen und etwas seelenlosen Steifheit. In den Eingeweiden des Hauses hat der Luxus einer anderen, prachtvolleren Epoche überlebt, die kecke Verspieltheit des Art déco. Herrlich knarzt das Parkett, und auf einer halbrunden Bühne steht einsam ein Flügel. Zeitungen liegen nirgends aus; erhöhter Anspruch auf intellektuelle Welthaltigkeit ist nicht auszumachen. Durch die Stille hallt das Trippeln der Schritte in den Gangfluchten.

Dann kommt er herein, über die Terrasse an den Sonnenschirmen vorbei, gemessen der Schritt. Er trägt Kniestrümpfe und eine kurze Hose, ein weißes, zum Brustbein geöffnetes Hemd. Er kommt vom Tennissplatz im Garten. Monsieur ist ein guter Tennisspieler. Ein großer, athletischer Mann mit leicht vorfallenden Schultern und nach vorn gebeugtem Oberkörper. Wie immer grüßt er jeden Bediensteten. Berührungsängste kennt er nicht. Dünkel hat er keinen. Wie immer wirkt er ausgeglichen und hat einen Scherz parat. Niemand hat sich je über ihn geärgert. Die Dienstmädchen, das Servicepersonal, der Barkeeper Toni – alle haben stets von seiner Unkompliziertheit geschwärmt. Er versinkt in einem Fauteuil und trinkt ein Glas San Pellegrino.

Es gibt ein typisches Foto, auf dem Nabokov in der Grand Hall steht, den Blick in der Ferne verloren, die Hände in der Hosentasche, bekleidet mit Pullover, Hemd, Jackett und Krawatte, posierend zwischen dem üppigen Mobiliar, am marmornen Kamin. Niemand stört ihn. Er hat die Unnahbarkeit des Geistesaristokraten. Sollten britische Ladys vorbeikommen, würde er ihnen selbstverständlich höflich zunicken, um sogleich wieder in Gedanken zu versinken. Jeder Palace-Besucher kennt den Dauergast. Alle respektieren sein Ruhebedürfnis. In der Grand Hall empfängt er Journalisten, wenn er sie überhaupt empfängt. Manche kommen umsonst über die Alpen. Nabokov hasst dumme Fragen und liebt Diskretion. Er gibt Interviews nur schriftlich und liest, in einem Sessel der Grand Hall sitzend, seine ausformulierten Antworten vor der Kamera ab. Als er Ende der sechziger Jahre wider Willen zu Idol und Kultfigur amerikanischer Hippies wurde, ließ er extra angereiste langhaarige Rucksacktouristen an der Rezeption einen ganzen Tag lang auf sich warten. Die Enttäuschten hinterlegten eine Nachricht: "Dear Mister Nabokov, fuck you!" Der Dichter soll herzlich gelacht haben.