Buch im Gespräch Studie eines Rassenmordes

Vergangenheit, zumal die verschwiegene, erschließt sich meist in Etappen, wie dies auch der Erinnerung zu Eigen ist. Es braucht oft einen äußeren Anstoß, ein Ereigniss, eine zufällige Wahrnehmung, um einen neuen Zugang zu bereits Bekanntem zu finden. So erging es dem Tübinger Journalisten und Zeitgeschichtler Hans-Joachim Lang, Jahrgang 1951. Ihm fiel während seiner Aufdeckungen und Beschreibungen von NS-Karrieren im südwestdeutschen Raum auf, dass bei der summarischen Aufzählung der Verbrechen, etwa der des SS-Anatomen August Hirt (1898 bis 1945) und seiner berüchtigten Schädelsammlung an der Straßburger »Reichsuniversität«, die Opfer und ihr persönliches Schicksal in der Anonymität der Massenmorde verschwanden.

Das galt auch für den Mord, der auf Begehren von Hirt und im Auftrag der pseudowissenschaftlichen SS-Organisation »Ahnenerbe« im August 1943 im elsässischen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof an 86jüdischen Häftlingen ausgeführt wurde. Die Menschen, zuvor von SS-Medizinern in Auschwitz ausgewählt und hierher verschleppt, sollten nach ihrer Ermordung skelettiert, ihre Skelette dann im Anatomischen Institut der Straßburger Universität zum »Rassenstudium« ausgestellt werden.

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Erwähnung erfährt das Verbrechen an den 29 Frauen und 57 Männern bereits in der 1947 erschienenen Dokumentation Das Dikt at der Menschenverachtung von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Sie hatten 1946 als Beobachter an dem Ärzteprozess des amerikanischen Militärgerichts in Nürnberg teilgenommen und waren als offizielle Berichterstatter der Westdeutschen Ärztekammern bemüht, ihren »Bericht vorzutragen, ohne die Stimme zu erheben«. Es wäre ihnen vermutlich auch nicht gestattet worden.

Für den Autor Hans-Joachim Lang, den Kenner vieler Vertuschungen von NS-Verbrechen, ist diese Zurückhaltung nicht erträglich. Angeregt von der Meinung des Auschwitz-Überlebenden Hermann Langbein, »dass irgendwo Namen der Opfer dieser außergewöhnlichen Selektion bekannt sind«, macht er sich 1998 auf den langen Weg durch Archive in Europa und den USA, zu Angehörigen und Überlebenden und nach Auschwitz/O™wieçim, Europas Drittem Kreis der Hölle.

Es wird ein mühsames Unterfangen, oftmals an der Schwelle des Scheiterns. Wo anfangen? Der Autor beginnt dort, wo die vorhandenen Dokumente gesammelt und aufbereitet sind, in den Archiven der Gedenkstätten und Institute. Doch vieles ist bei der fluchtartigen Auflösung des KZs vernichtet worden, manches noch nicht zugänglich. Immer wieder stellt sich heraus, dass Transport- und Lagerlisten, in der Zeit des Terrors akribisch geführt, nicht mehr vollständig sind. Auch die Zeitzeugen sind kaum zuverlässige Quellen, da sich ihre Erinnerungen als trügerisch und widersprüchlich erweisen. Die Häftlingsnummern, auf dem Unterarm eintätowiert, sind schon die richtige Orientierung, doch auch hier zeigt es sich bei genauer Prüfung, dass die Transportlisten nicht mit den Überstellungsprotokollen übereinstimmen.

Am Ende jedoch, nach fünf Jahren Reisen und mühseligen Recherchen, passen Nummern und Namen der Ermordeten zusammen. Das grausige Puzzle ist vollendet, die Lücke der Namenlosigkeit, wie Hans-Joachim Lang es nennt, geschlossen. Darüber hinaus liefert der Autor mit seiner Arbeit einen tiefenscharfen Einblick in die Perversion des »Denkens«, das die Mediziner unter dem Totenkopf beherrschte. Viele von ihnen kamen ungestraft davon.

Die Namen der NummernGeschichte | Holocaust | NS-VerbrechenSachbuchWie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizierenHans-Joachim LangBuchHoffmann und Campe2004Hamburg19,90303
 
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