RusslandDas verrohte Land

Brutalität regiert die russische Gesellschaft. In den Kasernen sterben Rekruten, aus Tschetschenien kehren Soldaten als gefühllose Monster zurück und terrorisieren ihre Familien. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung. Szenen eines gnadenlosen Alltags von 

Der schäbige Waschraum der Einheit 5599 im tschetschenischen Braguny war der letzte Ort, den der 20-jährige Wehrdienstleistende Ilja Kusnezow von der Welt sah. Am 30. Juli 2002 stellte sich ihm am Ausgang sein Soldatenkamerad Asis Musafarow in den Weg und schlug ihm mit voller Kraft auf die Brust, um ihm, wie es im späteren Untersuchungsbericht hieß, "seinen Willen aufzuzwingen". Dann trat er dem am Boden Liegenden in den Magen. Um 11.15 Uhr erlitt Ilja den Kasernentod in seinem "Dienst für das Vaterland". Wie die spätere Obduktion zeigte, starb er an inneren Verletzungen des Magens, des Herzens, des Darms, der Milz. Am Abend schärfte der Täter den anderen Soldaten ein, über die Schläge zu schweigen. Die erste offizielle Diagnose lautete auf Herzgefäßschwäche.

Der Kommandeur der Einheit ließ keine Zeugen befragen. Der Routinefall des Todes außerhalb von Kampfhandlungen sollte nicht noch Ärger bereiten. Wo das Holz gefällt wird, fliegen auch in Russland sprichwörtlich die Späne. Iljas Eltern erfuhren am 31. Juli in einem Telegramm vom Herztod des Sohnes. Doch einer der Soldaten wollte seinen Mund nicht halten. Ein Verfahren ließ sich nicht mehr umgehen. Der interne Untersuchungsbericht der Streitkräfte kritisierte das Fehlen von erzieherischen Maßnahmen, von Kontrolle und Disziplin in der Einheit.

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Die russischen Streitkräfte sind nicht nur von "Diebstahl und Plünderei durchsetzt", wie selbst der Exgeneralstabschef Anatolij Kwaschnin beklagte. Ihre innere Führung versagt auf weitem Felde. Die Truppen verzeichneten im vergangenen Jahr offiziell 674 Tote außerhalb von Kriegshandlungen. Allerdings schätzt die nichtstaatliche Organisation der Soldatenmütter, die sich für die Menschenrechte der Rekruten einsetzt, die tatsächliche Zahl auf das Dreifache. Offiziell wurden 216 Soldaten ermordet – in der Bundeswehr mit einem Viertel der Mannstärke gab es einen einzigen Fall. Die Zahl der Selbstmorde stieg im ersten Halbjahr 2004 um 38 Prozent auf 109. Bei ihrer Mehrzahl besteht laut Aussage der Militärstaatsanwaltschaft der Verdacht auf eine vorhergehende Misshandlung durch Mitdienende oder auf einen vertuschten Mord.

Freunde stellen einen Plastikbecher mit Wodka vor den Grabstein

"Russland hat immer gegen irgendjemanden Krieg geführt", sagt die Juristin der Petersburger Soldatenmütter, Jelena Filonowa. "Patriotismus, so lernten wir von Kindheit an, ist die Bereitschaft zu sterben." Die Militarisierung der sowjetischen Welt begann bereits im Kindergarten, wo die Kleinen zum Tag der Sowjetarmee Kriegsgedichte aufsagten und mit Panzern spielten. "Der Soldat wächst heran", hieß es. Die wehrbereite Erziehung führte über Marschübungen vor der Schuldirektion bis zum Armeedienst als dem Höhepunkt der Gleichheitssozialisierung. Für viele wurde Gewalt zu einem normalen Begriff der menschlichen Beziehungen. Noch heute gilt der Wehrdienst in Russland als Lehranstalt der Männlichkeit.

Etwa ein Drittel aller Wehrpflichtigen, zumeist die Armen vom Lande, durchläuft die "Schule des Lebens". Der Rest ist wegen Studiums oder schlechter Gesundheit freigestellt oder hat sich bei korrupten Offizieren der Wehrämter losgekauft. Die russischen Streitkräfte sind wieder eine echte Bauern- und Arbeiterarmee mit bedenklichem "Einberufungsmaterial", wie die Neurekruten unter Militärbürokraten auch genannt werden. Unter den Einberufenen des vergangenen Herbstes besaß jeder Fünfte nicht mal die mittlere Bildung, jeder Zwanzigste bereits eine kriminelle Vergangenheit. Die Streitkräfte ziehen die Aggressivität der Gesellschaft ein und geben sie später wie aus einem Gewaltkraftwerk potenziert wieder ab. "Unsere Armee ist eine Schule des Überlebens", betonen die Soldatenmütter sarkastisch. Ilja Kusnezow hat die Prüfung nicht bestanden.

"Uns ist es künftig genommen, den Geburtstag unseres einzigen Sohnes zu feiern", sagt seine Mutter Jelena leise. "Stattdessen werden wir bis zum Lebensende seinen Todestag begehen." Am 30. Juli versammelt sich die Familie Kusnezow im Städtchen Wyksa südlich von Nischnij-Nowgorod. In Iljas Kinderzimmer brennt in der Ikonenecke vor einem Foto des uniformierten Rekruten eine Kerze. Die Hitze drängt durch die offenen Fenster nach innen, der Deckenventilator schnurrt rhythmisch zum Schluchzen der Frauen. "Meine Nachbarin hat wegen der vielen Drogentoten gesagt: ›Sei doch froh, dass dein Enkel wenigstens für die Heimat gestorben ist‹", erzählt Iljas Großmutter. Gewalt erblickt sie überall. "Erst vor kurzem ist ein Mann in Wyksa von Neuntklässlern zu Tode geprügelt worden, weil er einen von ihnen ›Ziegenbock‹ schimpfte", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Den toten Ilja charakterisierte der Armeebericht nachträglich als "ruhig, ausgeglichen und mit einem Gefühl für die eigene Würde". Er hatte seinen Wehrdienst unbedingt leisten wollen, denn in der Kleinstadt ist es unüblich, sich zu drücken. Für das Freikaufen, das in der Regionshauptstadt bis zu 5.000 Dollar kostet, hätte ihm sowieso das Geld gefehlt. Der Vater konnte nicht einmal die 1.500 Dollar bezahlen, die ein Major aus Iljas Einheit forderte, um ihn nicht nach Tschetschenien zu schicken. Auf dem Menschenbasar der russischen Streitkräfte einigten sie sich auf 300 Dollar für die Versetzung in den Sanitätsdienst. Gerettet hat es Ilja nicht.

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