Russland Das verrohte LandSeite 9/9

Nach dem Friedhofsbesuch an Ilja Kusnezows Todestag betrachten seine Eltern zu Hause ein Gedenkbuch für die knapp 50 Armeetoten, die es im Städtchen Wyksa zu beklagen gibt; ein Buch, das die Soldatenmütter zum Unwillen mancher Militärs herausgegeben haben. Neben den Helden der Afghanistan-Invasion zeigt das Gedenkbuch auch die ausdruckslosen Gesichter auf schwarz-weißen Dienstfotos von Tschetschenien-Kämpfern und verunglückten Soldaten, über die sonst lieber geschwiegen wird. Das Gedenkbuch gibt den Eltern, was ihnen von staatlicher Seite vorenthalten wird: Anteilnahme.

Denn der Prozess gegen Iljas Einheit über eine moralische Entschädigung platzte vor einem Jahr im 2.000 Kilometer entfernten Wladikawkas, da der Täter nach dem Ende seines Wehrdienstes angeblich unauffindbar war. Iljas Eltern, die sich die weite Reise nicht leisten konnten, erfuhren das erst mit Hilfe der Soldatenmütter aus Nischnij Nowgorod. Nun versuchen sie, die Militärstaatsanwälte zu einer Fahndung zu animieren. Doch oftmals logieren Richter und Staatsanwälte im selben Haus der Garnison, nicht weit vom Kommandeurssitz. Mancher Prozess verläuft da wie ein Männerkränzchen in Uniform. Die trauernden Eltern sind mit der undurchschaubaren Justiz überfordert. Ein Anwalt bleibt für sie unerschwinglich. »Solange wir keinen normalen Staat haben«, sagt Iljas Tante, »bekommen wir auch keine anständige Armee.«

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