Zufall Man weiß es nicht

Zwischen Wissenschaft und Lebenshilfe: Was sagt uns ein Buch über den Zufall?

Stolz teilt der Verlag mit: In »bisher 21 Sprachen« sei das letzte Buch des Stefan Klein übersetzt worden, . Das lässt für den Nachfolger das Schönste vermuten, und in der Tat steht wenige Wochen nach Erscheinen schon auf den Bestsellerlisten. Das neue Werk verhält sich zum alten wie Brüderchen zu Schwesterchen: hier Zufall, da Glück – es geht um Wohlgefühl und Schicksal, zwei verwandte Themen, welche die Menschen seit je beschäftigt haben. Der Autor, der sich ihrer nun annimmt, kommt aus Deutschland, jenem Land einst tatkräftigen Schaffens, in dem mehr und mehr Bürger glauben, nicht sie bestimmten über ihr Leben, sondern höhere gesellschaftliche Umstände.

Das Buch beginnt schwungvoll mit der fragilen Konstellation, die zur Zeugung des Autors geführt hat, und jeder Leser mag sein eigenes Gewordensein damit vergleichen: Ob man selber planvoller zur Welt kam und, wenn ja, ob einem das eine Beruhigung sein kann im allgemeinen Durcheinander? Von da der Sprung in die Quantenphysik, die den Zufall auf der Ebene der Elementarteilchen lokalisiert hat: Jede Messung beeinflusst ihr eigenes Ergebnis, indem die gewonnene Information dem beobachteten Objekt entzogen wird und sein Verhalten unscharf erscheinen lässt.

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Diese Zufälligkeit, die allem zugrunde liegt, wird gemildert durch das Gesetz der großen Zahl: Ob beim nächsten Münzwurf die eine oder die andere Seite oben liegt, weiß niemand. Aber nach 100000 Würfen wird das Ergebnis ziemlich genau halbe-halbe sein.

So spielt sich alles Leben zwischen bohrender Ungewissheit und statistischem Mittel ab. Zusätzlich kompliziert wird es durch den menschlichen Willen, der sich die Erde untertan machen möchte, aber nicht einmal in der Lage ist, seine eigenen Entscheidungen vorauszusagen.

Stefan Klein plädiert für ein risikobewusstes Dasein. Das Unvorhergesehene bejahen, um die sich bietenden Chancen zu nutzen, statt alle Energie auf die ohnehin unmögliche Ausschaltung von Gefahren zu richten. Wer sich zu sicher fühlt, macht die größten Fehler.

Das klingt nun schon sehr nach Ratgeber und wirft die Frage nach dem Charakter dieses Buches auf: Ist es populärwissenschaftliche Aufklärung oder praktische Lebenshilfe? Wo Klein, studierter Physiker und Philosoph, in seinem Element ist, da gelingt ihm die Vermittlung komplizierter Sachverhalte bravourös. Geht es ihm allerdings um die Deutung und Bewältigung des Alltags, driftet er ab ins Anekdotische, teils sogar Sprichwörtliche und mäandert zwischen den Phänomenen.

Je tiefer man in das umfangreiche Werk eindringt, umso mehr wächst der Respekt vor dem gelehrsamen, fleißigen und eloquenten Autor, bis sich – aus Mangel an Erkenntniszuwachs – das Gefühl einstellt, irgendwie alles über den Zufall serviert zu bekommen. Von Konrad Adenauer bis Günter Schabowski reicht das Namenregister, von Fred Astaire bis Karl Valentin, von Aristoteles bis Voltaire, von Osama bin Laden bis zu den Brüdern Grimm. Man ist nur froh, nicht auch noch Thomas Gottschalk als Kronzeugen des Unberechenbaren präsentiert zu bekommen, und vermisst andererseits John Cage, den Künstler des Nichtintentionalen schlechthin.

Eine Frage, die nach der Lektüre bleibt, wird im Buch nicht gestellt. Wenn die Zukunft unklar ist, wie steht es um die Vergangenheit? Klein schreibt auf Seite 62: »Einzig die Unvorhersehbarkeit unterscheidet Zukunft von Vergangenheit.« Ähnelt aber ferne Vergangenheit ferner Zukunft nicht auf verblüffende Weise? Weder wissen wir, wohin alles geht, noch woher alles kommt. Auch die Vergangenheit ist »unvorhersehbar« – und vielleicht ist das kein Zufall.

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