Falls künftige Historiker einmal nach einem Dokument suchen, aus dem sich das plötzlich erwachte Interesse der Deutschen am demografischen Wandel ablesen lässt, stoßen sie vielleicht auf ein Schriftstück aus dem Brandenburger Landtag, Drucksache 3/7088, verfasst im Frühjahr 2004. Der Bericht handelt von Sportvereinen ("existentielle Probleme" wegen des Mangels an Jugendlichen), von Kirchen (die Katholiken bekommen mehr Verstärkung durch Zuwanderer als die Protestanten) und sogar von der sorbischen Minderheit (wo die Demografie ausnahmsweise keine Probleme schafft). Das Dokument zeigt Auswirkungen, auf die ein Laie kaum gekommen wäre, etwa bei der Justiz: Weniger junge Menschen bedeuten weniger Kriminalität. Momentan seien 46 Prozent aller Straftäter jünger als 25. Diese Altersgruppe werde in Zukunft deutlich kleiner sein.

Vielleicht schreiben die Historiker auch über Susanne Tatje. Seit Anfang April ist die promovierte Soziologin "Demografiebeauftragte" der Stadt Bielefeld und darf bei Planungen vom Straßenverkehr bis zum Kindergartenbau mitentscheiden. Ihr Job zeigt, wie sich gesellschaftliche Debatten in neuen Institutionen niederschlagen. In den Achtzigern brachte die Ökobewegung die ersten Umweltbeauftragten hervor und der Feminismus die Frauenbeauftragten. Nun sind die Demografiebeauftragten dran.

Möglicherweise interessieren sich künftige Forscher auch für eine Ausstellung in Berlin-Mitte. Zu sehen sind Bilder von Plattenbauten aus der Region um Leipzig, von Vandalismus in den Straßen von Detroit und von Musikern, die in verlassenen Lagerhallen in Manchester Unterschlupf fanden. Kein Großprojekt, doch seit Anfang September 2004 kamen 6000 Besucher, internationalen Medien wie der New York Times und Newsweek war die Ausstellung ausführliche Berichte wert, was auch mit ihrem Titel zu tun haben mag: Shrinking Cities, schrumpfende Städte. "Das trifft einen Nerv", glaubt Philipp Oswalt, Architekt und einer der Organisatoren. "Viele Menschen treibt die Frage um, ob wir den Abschied von einer Wachstumsepoche erleben und welche Folgen das für unseren Alltag, für unsere Nachbarschaften, unsere Häuser hat."

Wir werden weniger. Heute noch nicht, aber morgen und übermorgen. Bis 2050, so eine Studie der Vereinten Nationen, schrumpft die Bevölkerung in Deutschland um ein Drittel auf 58,8 Millionen ( Wie sich Deutschland verändert (PDF-Karte) ). Der demografische Wandel erreicht unseren Alltag – und doch fangen wir gerade erst an, die Folgen zu verstehen. Weniger Menschen, weniger Konsumenten, weniger Arbeitskräfte – was bedeutet das für die Wirtschaft, für die Umweltbelastung, für die Lebensqualität? Kann eine schrumpfende Bevölkerung steigenden Wohlstand produzieren? Kann der Kapitalismus, können vor allem die Börsen ohne Wachstumserwartungen überhaupt funktionieren?

Deutschland hat neben Slowenien die niedrigste Geburtenrate der EU, eine der niedrigsten der Welt. Auf tausend Einwohner kamen 2003 nur 8,7 Geburten, selbst im Kriegsjahr 1945 wurden mehr Kinder pro Einwohner geboren. Von den 82,5 Millionen Bundesbürgern sind 18 Prozent Rentner – die Gruppe der Ruheständler ist so groß wie die gesamte Bevölkerung Ostdeutschlands. Zuletzt ist die Einwohnerzahl nur wegen der starken Zuwanderung gewachsen. Sieben Millionen Menschen zogen in den vergangenen zehn Jahren zu, alljährlich wurde die Einwohnerzahl Dortmunds integriert.

Schon bald wären noch mehr Einwanderer nötig, um die niedrigen Geburtenraten der Deutschen auszugleichen. Es gibt immer weniger potenzielle Mütter. Die geburtenstarken Jahrgänge wachsen aus der Phase der Familiengründung heraus. Zudem wird Zuwanderung künftig anders verlaufen als bisher, der Wettbewerb um junge, qualifizierte Kräfte nimmt zu. Zuzug aus armen Ländern jedoch bedeutet meist hohe Kosten für die Integration. Dass es im Jemen oder in Pakistan viele Geburten gibt, ändert nichts daran, dass hierzulande Kinder fehlen. "Man kann das nicht gegeneinander aufrechnen", sagt Herwig Birg, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Universität Bielefeld. "Das ist so, als würde man ein Bein in heißes Wasser tauchen und das andere in einen Behälter mit Eiswürfeln. Das ergibt keine angenehme Körpertemperatur. Man wird krank."