Fragt man Amerikaner, was sie an den USA am meisten bewundern, so hätten sie bis vor kurzem wahrscheinlich geantwortet: die Chance jedes Einzelnen, sich hochzuarbeiten. Das ist der amerikanische Traum.

Fragt man hingegen Europäer, was sie an Europa am meisten schätzen, so werden sie unweigerlich sagen: die Lebensqualität.

Während der amerikanische Traum den Erfolg des Einzelnen hervorhebt, betont sein europäisches Gegenstück das kollektive Wohlergehen. Grund dafür ist die unterschiedliche räumliche Geschichte der beiden Kontinente.

Die Gründerväter der Vereinigten Staaten kamen vor 200 Jahren aus Europa, in der Endphase der protestantischen Revolution und der Frühzeit der europäischen Aufklärung. Sie nahmen beide Strömungen europäischen Denkens mit sich und erhielten sie bis heute in ihrer reinsten Form. Die Amerikaner sind die engagiertesten Christen und Protestanten der industriellen Welt und die leidenschaftlichsten Vertreter der Ideologien des kapitalistischen Marktes und des Nationalstaats. Denn sowohl die protestantische Reformation als auch die Aufklärung betonten die zentrale Stellung des Individuums in der Geschichte. Diese individualistische Ausrichtung passte sehr viel besser in den amerikanischen Kontext als in die europäische Kulisse. In dem weiten, offenen Land war jeder neue Einwanderer tatsächlich auf sich gestellt und musste sein Überleben ohne oder nur mit geringer gesellschaftlicher Unterstützung sichern. Bis heute ermahnen amerikanische Eltern ihre Kinder, dass sie lernen müssen, für sich selbst zu sorgen und unabhängig zu sein, und dass sie sich nicht auf andere verlassen sollen, sondern nur auf sich selbst. Nur so könnten sie wirklich frei sein. Eigenverantwortung ist ein Grundpfeiler des amerikanischen Traums.

Mit der Vorstellung eines vollständig auf sich gestellten Individuums konnten die Europäer sich dagegen nie so recht anfreunden. Zunächst einmal standen die Reformation und die Aufklärung in Konkurrenz zu den älteren, paternalistischen und gemeinschaftlichen Traditionen der katholischen Kirche und einer Feudalaristokratie – Traditionen, die auf gegenseitigen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten innerhalb einer streng vorgezeichneten gesellschaftlichen Hierarchie beruhten. Außerdem war Europa schon zur damaligen Zeit dicht bevölkert, und Ende des 18. Jahrhunderts gab es keine unerschlossenen Gebiete mehr. Von Mauern umgebene Städte und eng besiedelte Dörfer erforderten einen auf die Gemeinschaft ausgerichteten Lebensstil. In der Folge definierten die Europäer Freiheit vor dem Hintergrund von Zugehörigkeit und von Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, während für die Amerikaner Freiheit eher individuelle Autonomie und Mobilität bedeuteten.

In Amerika waren darüber hinaus billiges oder freies Land und Ressourcen im Überfluss vorhanden, sodass auch Neuankömmlinge reich werden konnten. In Europa erschwerten klar definierte Grenzen zwischen den Klassen – ein Überbleibsel der Feudalzeit – es einem Menschen niederer Herkunft, aufzusteigen und reich zu werden. Während die Amerikaner daher das Glück des Einzelnen suchten, verfolgten die Europäer eher ein kollektives Glück. Der Unterschied zwischen diesen Glücksvorstellungen wird durch einen Vergleich der Staatsausgaben der USA und Europas deutlich. Wir Amerikaner wenden heute weniger als 11 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für Sozialausgaben auf, unsere europäischen Freunde dagegen mehr als 26 Prozent.