leitartikel Kosten lohnen sich
Trotz Karstadt und Opel: Dem Land geht es langsam besser – auch wenn es kaum einer merkt
Angst durchzieht das Land. Angst vor dem Jobverlust: Gestern Karstadt, heute Opel, wer streicht morgen zehntausend Stellen? Angst vor den Konkurrenten: Müssen die Löhne in Deutschland auf das Niveau von Polen sinken? Angst vor dem Alter: Wovon sollen wir später leben, wenn das Geld schon jetzt kaum reicht? Die Forschungsinstitute sagen für das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum von nur noch 1,5 Prozent voraus. Und bei Opel in Bochum kämpfen aufgebrachte Arbeiter um ihre Jobs und blockieren die Produktion aller Werke. Angst lähmt das Land.
Es ist eine Spirale, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wenn die Menschen sich fürchten, halten sie ihr Geld zusammen. Ist der Konsum schwach, zögern die Unternehmen mit Investitionen – oder bauen ihre Fabriken gleich in Osteuropa. Die inländische Nachfrage sinkt weiter, die Arbeitslosigkeit steigt. Die Wirtschaft schmiert ab.
Dabei wäre es so leicht, diese Angst zu bekämpfen.
Tatsächlich steht der Standort D viel besser da, als Karstadt, Opel und andere Krisenfirmen glauben machen. Die Lohnkosten sind zu hoch? Ausgerechnet die Autoindustrie hat in den vergangenen zehn Jahren netto 100000 Jobs geschaffen; in diesem Jahr waren es noch einmal 8000. Den Deutschen geht die Arbeit aus? Die Metallindustrie zählt 150000 offene Stellen, die Exporte wachsen – trotz des starken Euro. Das Land zieht keine Investoren an? Die amerikanische Handelskammer glaubt, dass 2005 noch mehr US-Firmen nach Deutschland kommen. Es fehlt an Ideen? Nirgendwo in Europa werden so viele Patente angemeldet.
Dieses Land hat viele Stärken – und eine große Schwäche: Es wird nur noch über die Kosten geredet statt über die Chancen. Und genau das ist das Problem.
Es waren die Rezepte der Kostendrücker, die Opel in die Krise führten. In ihrem Wahn, die Zulieferer auszuquetschen, verschleuderten die Manager den einzigen Grund, ein Auto mit dem Blitz-Emblem zu kaufen – die Qualität. Innovative Modelle, neue Motoren? Fehlanzeige. Heute hat der Luxushersteller Mercedes in Deutschland einen höheren Marktanteil als der Massenhersteller Opel. In keinem anderen Industrieland, sagen Unternehmensberater, reden die Chefs so viel über cost cutting und so wenig über Strategie.
Kaum besser die Spitzen der Verbände. Jammern gehört bei ihnen zum Alltag, sie klagen über Steuern und Abgaben, über faule Arbeiter und verkrustete Strukturen. Dass die Steuersätze so niedrig sind wie lange nicht, dass neun von zehn Deutschen bereit sind, länger zu arbeiten, wenn es um ihren Job geht – all das wird ignoriert. Kein amerikanischer oder französischer Manager redet im Ausland so schlecht über den eigenen Standort, wie das die deutschen Bosse tun, sagt Ex-Lufthansa-Chef Jürgen Weber. Die Gewinne vieler Unternehmen steigen längst wieder kräftig – und trotzdem investieren sie nicht, sondern kaufen lieber eigene Aktien zurück, um ihre Shareholder zu beglücken.
- Datum 21.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
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