Am 21. Oktober 1944 ist es vorbei. Die Wehrmacht hat kapituliert, die Amerikaner sind Herren der Stadt. Und doch – noch ist nichts vorbei. Die wenigen Bürger, die in Aachen zurückgeblieben sind, fühlen sich wie in einer Zwischenwelt: weder befreit noch besiegt, nur unsicher, ob "die Deutschen" nicht vielleicht zurückkommen werden. Noch einige Wochen lang schießen Hitlers Truppen von Osten her in die Stadt, bis die Amerikaner so weit vorgerückt sind, dass die Geschütze der Wehrmacht Aachen nicht mehr erreichen.

"Die Deutschen – da fühlten wir uns nicht mehr zugehörig", erinnert sich Waltraud Barth, die damals als 14-Jährige zusammen mit ihrer Mutter jene Tage in einem Haus am Rande der Innenstadt miterlebte. "Es war so, als hätten wir mit der ganzen Sache nichts zu tun. Deutschland war sehr weit weg zu dieser Zeit. Wir waren Aachener, keine Deutschen."

Am 12. September hatte der erste amerikanische Soldat seinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Südlich der Stadt waren die US-Verbände durch den "Westwall" gebrochen, rückten überall von den Niederlanden und Luxemburg aus über die Grenze vor, besetzten das Städtchen Monschau, die Eifeldörfer, die Aachener Vororte. Noch am selben Tag schlugen Artilleriegranaten in die alte Reichsstadt ein. Von Nordwesten näherte sich die 1. US-Infanterie-Division und begann damit, auf den Höhen rund um die Stadt Position zu beziehen.

Noch Anfang September hatte Heinrich Himmler bei einem Besuch bekräftigt, Aachen werde niemals geräumt – jetzt begann die Flucht. 25.000 Menschen lebten in den Trümmern; die meisten der ehemals 160.000 Einwohner waren bereits geflohen. (Die Stadt hatte noch im Frühjahr heftige Luftangriffe zu ertragen gehabt, über 2.000 Menschen waren dabei umgekommen.) 6.000 Zivilisten blieben trotz Evakuierungsbefehl zurück und irrten in den folgenden Tagen durch die zerstörten Straßen. Wer zu diesem Zeitpunkt das Kommando innehatte, war unklar.

Die Aachener Leitung der NSDAP hatte sich bereits abgesetzt. Generalleutnant Gerhard Graf von Schwerin, mit seiner 116. Panzer-Division Windhund zur Verteidigung herbeigerufen, verfügte eigenmächtig, "daß ab sofort die ziel- und planlose Evakuierung eingestellt" werde. In einem Brief an die Amerikaner bat Schwerin um die Schonung der Bevölkerung. Der Brief wurde abgefangen, Schwerin des Hochverrats bezichtigt und verhaftet; er kam aber glimpflich davon und wurde nach Italien abkommandiert. Als "Retter von Aachen" gilt er vielen bis heute, eine Straße ist nach ihm benannt.

Am selben Tag allerdings gingen die Soldaten der Windhund-Division auf Befehl ebenjenes Grafen Schwerin gegen Plünderer vor. Eine Hand voll wurde gefasst, die meisten ließ man laufen. Nur für Karl Schwartz und Johann Herren gab es keine Gnade: Vor den Augen der herbeiströmenden Bevölkerung wurden sie von einem Exekutionskommando erschossen. Beide waren 14 Jahre alt.

Auch Waltraud und ihre Mutter erfuhren davon in einem städtischen Luftschutzkeller: "Eine Frau kam hereingestürzt und rief fassungslos: ›Die wollen sie erschießen! Die wollen sie erschießen!‹ Es war die Tante des einen Jungen." Frauen fingen an zu weinen, es herrschte Aufruhr. "Aber in den nächsten Stunden durfte niemand den Keller verlassen."