Ängste Morgen. Übermorgen. Nie!

Vor allem bei Studenten ist Aufschieben chronisch. Psychologen versuchen herauszufinden, woran das liegt und wie man helfen kann

Anne wäscht das Geschirr. Putzt das Bad, gründlich, auch die Unterseite des Waschbeckens. Wischt Staub, poliert die Armaturen in der Küche, feudelt den Parkettboden. Dann setzt sie sich hin und beginnt, ihre umfangreiche Videosammlung zu beschriften. Anne ist fleißig, könnte man sagen. Aber Anne ist nicht fleißig, Anne schiebt auf. Eigentlich sollte die 30-Jährige am Schreibtisch sitzen und ihre Magisterarbeit schreiben. Seit 20 Semestern kämpft sie mit der Vollendung ihres Anglistikstudiums, und das, obwohl sie die nötigen Scheine seit mehr als fünf Jahren zusammen hat.

Anne leidet unter einer extremen Form von Aufschiebeverhalten – Procrastination, wie es in der Psychologie heißt –, einem Phänomen, das die meisten Menschen mehr oder weniger ausgeprägt kennen. Procrastination bedeutet, die Ausführung oder Beendigung unangenehmer Aufgaben auf später zu verschieben, obwohl man genau weiß, dass »später« ebenso gut oder schlecht ist wie »gleich«. Wer macht schon gleich seine Steuererklärung?

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»Aufschiebeverhalten ist eigentlich ein völlig verständliches Verhaltensmuster«, sagt auch Diplompsychologin Margarita Engberding, Leiterin der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Münster. »Der Mensch ist natürlich immer bemüht, ein Gefühl von Wohlbefinden zu sichern und erst mal angenehmere Dinge zu tun.«

Gerade Studenten, die ihre Zeit selbst einteilen müssen, haben häufig mit Aufschiebeverhalten zu kämpfen: Abgabefristen liegen in weiter Ferne; selbst den Zeitpunkt des Studiums können viele Studierende selbst bestimmen. Es erfordert Selbstdisziplin, an einem warmen Sommertag über den Büchern zu sitzen und nicht im Biergarten. Die meisten reißen sich noch rechtzeitig zusammen, bevor ihre Unlust zur unüberwindbaren Hürde wird. Bei anderen wird das Aufschieben chronisch.

In Annes Fall hatte niemand damit gerechnet, am wenigsten sie selbst. 1994 begann sie ihr Traumstudium: Anglistik im Haupt-, Germanistik und Politik im Nebenfach. Schon nach zwei Semestern hatte sie alle Grundstudiumsveranstaltungen besucht, nach sechs Semestern war sie fast scheinfrei. Dann kam das »Jahr der Katastrophen«, wie Anne es nennt. Erst erfuhr sie, dass ihre Mutter an einer unheilbaren Krankheit leidet, dann zerbrach ihre Beziehung, zwei Monate später entging sie nur knapp einem Blinddarmdurchbruch: »Plötzlich hatte ich vor allem Angst, was mir vorher so leicht gefallen war.« Immer häufiger schwänzte sie Seminare. Bei den letzten beiden Hausarbeiten kam sie nicht über die ersten Seiten hinaus. »Jeden Tag habe ich gedacht, dass mir die Arbeit morgen leichter fallen würde. Ich machte mir vor, dass ich mittags erst schlafen müsste, um nicht so müde zu sein, oder dass ich erst anfangen kann, wenn der Schreibtisch richtig aufgeräumt ist.« Ausreden gab es viele. Abends im Bett kamen dann die Angst und die Selbstvorwürfe.

Noch lässt sich nicht eindeutig sagen, wann Procrastination behandelt werden muss. Dazu fehlen bisher die Messinstrumente. »In ihren extremen Formen kann Procrastination eine solche Qual sein, dass sie sogar zum Studienabbruch führen kann«, sagt Julia Patzelt. Für ihre Diplomarbeit in Psychologie hat sie zusammen mit ihrer Kommilitonin Inga Opitz die bisher größte Studie zu Procrastination im deutschsprachigen Raum durchgeführt. 939 Studenten aus 45 Fächern der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster beantworteten einen Fragebogen im Internet, in dem sie ihr Aufschiebeverhalten beurteilen sollten. Die Münsteraner Studie ist nur eine Stichprobe, aus der sich noch keine allgemeingültigen Ergebnisse ableiten lassen, lediglich einige Vermutungen, woraus Procrastination resultiert.

So fanden Opitz und Patzelt heraus, dass Studenten von eher unstrukturierten Fächern wie zum Beispiel den Geisteswissenschaften öfter aufschieben. In Fächern wie Medizin, wo es mehr Pflichtveranstaltungen und häufigere Leistungstests gibt, wird weniger getrödelt. »Viele beginnen erst zu lernen, wenn der Termindruck schon riesig ist. Oft ist der Berg allerdings so hoch, dass er in der kurzen Zeit gar nicht mehr überwunden werden kann«, sagt Marita Engberding. Zur Procrastination gehören auch irrationale Beruhigungsgedanken wie: »Ach, das geht ja ganz schnell, das kann ich auch später noch machen.«

Anne sagt, dass sie die Freizeit, die sie sich durch das Aufschieben ihrer Arbeit erschummelt hatte, irgendwann nicht mehr genießen konnte. »Im Hinterkopf weißt du natürlich, dass du dir diese vielen Pausen noch gar nicht verdient hast.« Anne bekam schwere Depressionen. Wochenlang saß sie nur noch vor dem Fernseher.

Auch Opitz und Patzelt stellten in ihrer Studie fest, dass Aufschieber eher depressives Verhalten zeigen und oft niedergeschlagen und antriebslos sind. Starke Zusammenhänge fanden sich zu dem »sozial vorgeschriebenen Perfektionismus«, bei dem die Betroffenen Erwartungen von Eltern oder Freunden als so unerreichbar hoch einschätzen, dass sie von vornherein demotiviert werden. Auch persönliche Versagens- und Bewertungsängste spielen eine Rolle. Was jedoch Auslöser und was Wirkung der Procrastination ist, lässt sich nicht eindeutig bewerten.

Drei Tage Zeit haben, bedeutet nicht, 72 Stunden lernen zu können

»Procrastination und Prüfungsangst werden bei uns immer noch unterschätzt«, sagt Professor Fred Rist, der die beiden Diplomandinnen betreut hat. An seinem Institut entwickelten die Diplomandinnen Julia Beißner und Nicole Samberg Trainingsmethoden gegen das Aufschieben. Schritt eins: Sich der äußeren Störfaktoren bewusst werden und sie beseitigen. Das heißt, Telefon rausziehen, die TV-Fernbedienung beim Mitbewohner abgeben. Schritt zwei: Sich einen festen Punkt setzen, an dem man die tägliche Arbeit beginnt. »Am besten lässt man einen Wecker klingeln«, sagt Julia Beißner. Oft ist dadurch schon die größte Hürde geschafft. Schritt drei: Sich realistische Ziele setzen. Noch drei Tage Zeit zu haben bedeutet nicht, 72 Stunden lernen zu können. »Kleinere Lernschritte sind sinnvoller«, sagt Nicole Samberg. Aufschieber sollten sich ein realistisches Ziel setzen.

Bei den 60 Probanden ihrer Studie gibt es schon Fortschritte: Sie lernten kontinuierlicher und bewältigten mehr Stoff in kürzerer Zeit. »Wer allerdings so depressiv ist, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann, dem hilft auch das beste Zeitmanagement nicht weiter«, sagt Margarita Engberding. Weil Procrastination so viele verschiedene Ursachen haben kann, brauchte jeder Betroffene im Prinzip individuelle Werkzeuge.

Anne begann schließlich eine Therapie, die ihr half, ihr Studium wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen. Sie hat sich zum Examen angemeldet, der Abgabetermin für ihre Magisterarbeit steht fest. Dennoch ist jeder Tag ein Kampf. Anne fällt es immer noch schwer, eine Aufgabe ohne Unterbrechungen zu erledigen. Frustrierend findet sie, dass ihre Freunde den Lernstress nicht mehr ernst nehmen. »Ich kann das auch verstehen, ich habe ja so oft gesagt, dass ich mich jetzt endlich anmelden werde, dass sie irgendwann nur noch müde abgewunken haben.« Zur bestandenen Prüfung will sie dennoch eine Party schmeißen: »Da verteile ich dann Visitenkarten. Mit einem fetten ›M. A.‹ hinter meinem Namen.«

 
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