Ängste Morgen. Übermorgen. Nie!Seite 2/2

Auch Opitz und Patzelt stellten in ihrer Studie fest, dass Aufschieber eher depressives Verhalten zeigen und oft niedergeschlagen und antriebslos sind. Starke Zusammenhänge fanden sich zu dem »sozial vorgeschriebenen Perfektionismus«, bei dem die Betroffenen Erwartungen von Eltern oder Freunden als so unerreichbar hoch einschätzen, dass sie von vornherein demotiviert werden. Auch persönliche Versagens- und Bewertungsängste spielen eine Rolle. Was jedoch Auslöser und was Wirkung der Procrastination ist, lässt sich nicht eindeutig bewerten.

Drei Tage Zeit haben, bedeutet nicht, 72 Stunden lernen zu können

»Procrastination und Prüfungsangst werden bei uns immer noch unterschätzt«, sagt Professor Fred Rist, der die beiden Diplomandinnen betreut hat. An seinem Institut entwickelten die Diplomandinnen Julia Beißner und Nicole Samberg Trainingsmethoden gegen das Aufschieben. Schritt eins: Sich der äußeren Störfaktoren bewusst werden und sie beseitigen. Das heißt, Telefon rausziehen, die TV-Fernbedienung beim Mitbewohner abgeben. Schritt zwei: Sich einen festen Punkt setzen, an dem man die tägliche Arbeit beginnt. »Am besten lässt man einen Wecker klingeln«, sagt Julia Beißner. Oft ist dadurch schon die größte Hürde geschafft. Schritt drei: Sich realistische Ziele setzen. Noch drei Tage Zeit zu haben bedeutet nicht, 72 Stunden lernen zu können. »Kleinere Lernschritte sind sinnvoller«, sagt Nicole Samberg. Aufschieber sollten sich ein realistisches Ziel setzen.

Bei den 60 Probanden ihrer Studie gibt es schon Fortschritte: Sie lernten kontinuierlicher und bewältigten mehr Stoff in kürzerer Zeit. »Wer allerdings so depressiv ist, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann, dem hilft auch das beste Zeitmanagement nicht weiter«, sagt Margarita Engberding. Weil Procrastination so viele verschiedene Ursachen haben kann, brauchte jeder Betroffene im Prinzip individuelle Werkzeuge.

Anne begann schließlich eine Therapie, die ihr half, ihr Studium wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen. Sie hat sich zum Examen angemeldet, der Abgabetermin für ihre Magisterarbeit steht fest. Dennoch ist jeder Tag ein Kampf. Anne fällt es immer noch schwer, eine Aufgabe ohne Unterbrechungen zu erledigen. Frustrierend findet sie, dass ihre Freunde den Lernstress nicht mehr ernst nehmen. »Ich kann das auch verstehen, ich habe ja so oft gesagt, dass ich mich jetzt endlich anmelden werde, dass sie irgendwann nur noch müde abgewunken haben.« Zur bestandenen Prüfung will sie dennoch eine Party schmeißen: »Da verteile ich dann Visitenkarten. Mit einem fetten ›M. A.‹ hinter meinem Namen.«

 
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