Porträt Die sanfte Gefahr

Leise, still und zäh hat sich Christian Wulff zur Nummer zwei in der CDU emporgearbeitet. Immer häufiger muss er sich gegen den Verdacht wehren, er spekuliere auf den Sturz der Parteivorsitzenden

Eigentlich muss Christian Wulff gut verstehen, was seiner Parteivorsitzenden gerade widerfährt. Dieses Auf und Ab der öffentlichen Wertschätzung – eben noch Winterkönigin und nun schon wieder fast am Ende? Er kennt das. Mit 33 Jahren war er Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Niedersachsen. Das war 1994. Der junge Wulff war damals zu Beginn der späten Ära Kohl eine Art CDU-Exot mit großer Zukunft. Acht Jahre und zwei Niederlagen später war Christian Wulff immer noch Spitzenkandidat in Niedersachsen und nicht mehr ganz so frisch wie zu Beginn. Die meisten Beobachter hatten ihn seinerzeit im Herbst 2002 vor den Wahlen schon abgeschrieben: Irgendwie tragisch, hieß es damals, mit wissendem Bedauern. Hatte er nicht schon immer diese für einen Spitzenpolitiker etwas zu sanfte Ausstrahlung gehabt? Wenn es auch beim dritten Anlauf nicht geklappt hätte, wäre er weg gewesen. Das wussten alle. Keine zwei Jahre ist das her.

Nun hat Christian Wulff ein anderes Problem, sozusagen am entgegengesetzten Ende der Erfolgsskala. Denn bis zur CDU-Vorsitzenden hat sich der Eindruck herumgesprochen, mit seiner leisen, netten, zähen Art habe sich Wulff inzwischen zur Nummer zwei der Partei emporgearbeitet. Immer häufiger muss er sich nun gegen die Vermutung wehren, er sei zum Konkurrenten von Angela Merkel geworden. Wenn es also schlecht steht um die Vorsitzende, rückt jetzt automatisch Christian Wulff ins Blickfeld. »Ich bin Objekt, nicht Subjekt solcher Überlegungen«, stellt er klar. Und ahnt doch, wie schwer es ist, die Vermutung zu dementieren, er sei mit 45 Jahren noch nicht am Ende seiner Karriere angelangt.

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Wulff nervt es, nicht in Ruhe gelassen zu werden. Als am vergangenen Wochenende auch noch der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus mit der Vermutung an die Öffentlichkeit ging, niemand könne mehr ausschließen, dass in der CDU eine Intrige gegen die Vorsitzende im Gange sei, reagierte Wulff umgehend auf die »absurde Unterstellung«. Im Allgemeinen scheut er die scharfen Töne. Doch diesmal wies er Althaus zurecht, so könne und dürfe man sich öffentlich nicht einlassen: »Das schadet der Partei.«

Ein bisschen hat Althaus’ Andeutung natürlich auch Christian Wulff geschadet. Denn die Vorstellung, der Niedersachse könne zu einer Verschwörung ehrgeiziger, westdeutscher Jungmänner zählen, die es auf die Demontage ihrer ostdeutschen Parteivorsitzenden abgesehen haben, passt irgendwie nicht zu Christian Wulff. Hinterhältigkeit, Ressentiments gegen Frauen in Führungspositionen oder gegen Ostdeutsche – das kann man ihm kaum anhängen. Und doch gehört er eben, wie Friedrich Merz, Roland Koch oder Peter Müller, zu diesem Club nicht mehr ganz so junger CDU-Männer, die seit ihren gemeinsamen Zeiten in der Jungen Union darüber gerätselt haben, wer von ihnen es einmal nach ganz oben schaffen würde. Und alle haben sie schon ihre Geschichte mit Angela Merkel: Die Beziehungen reichen von völlig kaputt (Merz) über hoffnungslos (Koch) bis noch nicht verloren (Wulff).

Dabei galt Wulffs Wahlsieg im Frühjahr 2003 als Stärkung der Vorsitzenden. Gemessen an Roland Koch, galten beide als liberal. Und doch hat sich ein wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen den beiden nicht entwickelt. Wulff weiß um das Misstrauen des Spitzenpolitikers, aber er kennt auch Abhilfe: »Natürlich beschäftigt einen die Frage: Wer ist verlässlich, geradlinig, wer steht zu einem? Aber das Misstrauen verliert sich, je mehr es einem gelingt, ein Team zu bilden, das mit einem durch dick und dünn geht.« Das klingt auch wie ein Ratschlag an die Vorsitzende, die sich mit Teambildung gerade besonders schwer tut. Aber wie ist es um Wulffs Loyalität zu Angela Merkel bestellt? Das flammende Interview des Niedersachsen, das demonstrieren würde, da gehe einer wirklich mit ihr »durch dick und dünn«, ist jedenfalls noch nicht erschienen. Aber vielleicht gibt es die rückhaltlose Solidarität eben nur auf der Basis geteilter Verantwortung. »Wenn man auf eigene Rechnung handelt, muss man damit leben, dass man unter Umständen alleine bleibt«, weiß Wulff. Sein spektakulärer Auszug aus der Kultusministerkonferenz ist für ihn so eine Solonummer, für die er keine Loyalität einfordern kann. Merkels Idee, Unterschriften gegen den Türkei-Beitritt der EU zu sammeln, ist für ihn ein anderes Beispiel. So erklärt sich, warum Wulff es nicht als Loyalitätsbruch versteht, Merkel in dieser Sache allein gelassen zu haben. Dennoch wäre er ehrlich empört, würde man ihm unterstellen, er konkurriere um den Platz der Vorsitzenden.

Überhaupt, diese andauernden Spekulationen! »Das kann doch nicht angehen«, meint der Ministerpräsident. »Man hat gerade eine Wahl gewonnen und wird gefragt: Was soll aus Ihnen werden?« Liegt das nicht auf der Hand? »Ich möchte sehr lange in Niedersachsen wirken, so lange, wie ich von den Bürgern und der Partei getragen werde.« – Niedersachsen, mon amour! Es klingt brav und ein wenig abwegig. Andererseits ist Wulff ja nicht einfach nur ein klassischer Vertreter der westdeutschen CDU, er ist ja wirklich auf eine ziemlich intensive Weise Niedersachse: geboren in Osnabrück, Schule in Osnabrück, Jurastudium in Osnabrück, Rechtsanwalt in Osnabrück, Kommunalpolitiker in Osnabrück. Bis heute wohnt er dort. Schaut man auf diese Seite seiner Vita, bekommt sogar sein Bekenntnis, noch »mindestens zehn Jahre« im Land wirken zu wollen, eine gewisse Plausibilität.

Zudem hat er harte Zeiten durchgestanden, nicht nur in seiner Jugend, wo er für die schwer kranke Mutter und die Schwester sorgte. Auch später, in der politischen Auseinandersetzung mit seinem niedersächsischen Amtsvorgänger Gerhard Schröder, hatte Wulff einen denkbar harten Stand. Er war der unbedarfte, etwas bieder daherkommende Herausforderer gegen den souveränen, arroganten Machtpolitiker. »Ich galt eher als langweilig, nicht schillernd und nicht sehr medienwirksam. Gegen Gerhard Schröder war das ein großer Nachteil«, erinnert er sich. Erst später, als die Leute das Schillernde und Unernste satt hatten, habe er von seiner unspektakulären Ausstrahlung profitiert. Alle Formen von Extremismus sind Wulff wesensfremd. Als »Warmduscher« haben sie ihn zu Oppositionszeiten verspottet. »Natürlich dusche ich morgens warm«, hatte er geantwortet.

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