Abends kurz nach neun kommt Jette zu neuen Kräften. Gerade hat die blonde Kleine ein schönes Spiel entdeckt. Es ist das Hin-und-Her-über-den-Tisch-laufen-Spiel. Dabei umkurvt sie die Rotweingläser geschickt wie eine Katze. Jette ist eineinhalb. Ihr großer Bruder Nick, 6, liegt seit ein paar Minuten im Bett. Jette stürzt sich in Papas Arme, dann wieder auf Mamas Schoß. Unterdessen erzählen die Eltern, dass sie einmal recht starke Nerven hatten. Früher. Jetzt suchen sie Hilfe. Die beiden nehmen an einem Erziehungskurs teil.

Verena K. ist von Beruf Sozialpädagogin, attraktiv, wortgewandt, 36 Jahre alt. Eine Frau, die ihre Meinung sagt. Ihr Mann Daniel, ein Jahr älter und studierter Betriebswirt, ist nicht weniger eloquent und scheint gleichermaßen bereit zuzuhören. Als Paar wirken die beiden wie zwei auf einem Weg. Ein Team seit langem, gewohnt, die Dinge im Gespräch zu klären.

Dreizehn Jahre waren sie zusammen, als sie sich sagten: Wir nehmen ein Kind dazu. Wir nehmen es auf in unsere Zweisamkeit und nehmen es ernst. Nein, sie wollten "die Grundrechte und Bedürfnisse" ihres Kindes nicht missachten, wie es Verena K. bei ihrer Arbeit in einem sozialen Problemviertel so oft hatte mitansehen müssen. Sie wollten nicht einfach Regeln setzen, sondern erklären und überzeugen. Sie stellten sich das Leben mit Kind harmonisch und fruchtbar vor. Daniel lächelt verlegen über die Gedanken von damals, bevor ihr Sohn geboren wurde. Zwei Jahre später, erzählt er, waren sie "total aufgefressen und superunglücklich". Die Diagnose: "Wir gehen hier vor die Hunde!"

Mehr Elternzeit verordneten sie sich. Gegenwind für den kleinen Kronprinzen. "Richtig harter Wind", sagt Daniel K. Da gab es ein kinderloses Wochenende in London. Herrlich freie Abende, denn "Nicki lag um acht im Bett". Verena: "Ich hab ihm auch tagsüber erklärt: ›Ich mach jetzt Pause, bis der Zeiger da oben ist!‹" Das klappte nicht schlecht, zeitweise. Warum ging’s nicht so weiter?

Vielleicht hatte sich am Grundsätzlichen noch zu wenig verändert. An dem Anspruch, alles zu diskutieren und auf keinen Fall autoritär zu erziehen. Vielleicht war es auch einfach der Stress mit dem neuen Baby, mit Jette, der manchen richtigen Ansatz wieder über den Haufen warf. Ihr Problem jedenfalls glauben die beiden genau zu kennen: "Wir müssen unsere eigenen Interessen als Eltern wahrnehmen und durchsetzen!"

Aber wie macht man das? Wie bleibt man konsequent? Kinder brauchen Grenzen, klar. Aber wie setzt man diese Grenzen? Wo? Und wann? Oder ganz konkret: Wie schafft man es, dass der kleine Sohn, der oberschlaue Argumentierer, nicht während des Essens mit dem Ball gegen die Wand kickt? Nicht redet und redet, um Papas Aufmerksamkeit zu pachten? Dass der Sechsjährige sich nicht zum Familienchef aufspielen darf, aber dennoch ernst genommen wird?

"Step – Systematisches Training für Eltern" – der Aushang im Kindergarten klang gut und kam zur rechten Zeit. Da stand was von "kooperativem, stressfreierem Zusammenleben in der Familie", von einer "dauerhaften und starken Beziehung" mit den Kindern. Und nachdem sie schon in Eigenregie das eine oder andere vermeintliche Patentrezept probiert hatten, ohne Erfolg, waren Verena und Daniel K. reif für den Elternkurs.