Erziehung Erziehen üben!Seite 9/9
Die knappen zeitlichen Vorgaben haben Methode bei Triple P. »Es ist ein konzentriertes Lernprogramm und keine Selbsterfahrungsgruppe«, sagt Barbara von Dehn Tretow. An die vier Gruppensitzungen schließen sich nochmals vier 20-Minuten-Telefonate mit der Gruppenleiterin an, zur individuellen Beratung. Der Preis variiert, je nachdem, in welchem Zusammenhang die Kurse angeboten werden. Einige Organisationen wie die Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt unterstützen das Programm. Bei privaten Trainern allerdings zahlt ein Elternpaar bis zu 240 Euro.
Besonders gut versorgt mit kostenlosen Kursen ist derzeit die Stadt Braunschweig. Der Psychologe Kurt Hahlweg, der das australische Programm nach Deutschland geholt hat, betreibt an der dortigen TU seit 2001 ein großes Forschungsprojekt an 34 Kindertagesstätten mit 280 Eltern: Wie wirksam ist Triple P zur Prävention von Verhaltensproblemen?, fragt der Wissenschaftler. Bisher bestätigen die Ergebnisse der Langzeitstudie die guten Resultate aus dem Ausland. Rund 80 Prozent der Eltern fanden das Training hilfreich. Sie geben an, dass sich die Beziehung zum Kind und dessen Verhalten gebessert hätten. Und rund 40 Prozent sagen, dass ihre Partnerschaft ebenfalls davon profitiert habe.
Interessanter noch erscheint eine zweite Frage: Wie lassen sich auch sozial benachteiligte Familien erreichen? Dazu hat man herausgefunden, dass sich mit einer »Leistungsentschädigung« von 100 Euro die Teilnehmerquote unter solchen Familien, die man gezielt angesprochen hat, von immerhin 30 Prozent (ohne Kursgebühr) auf 50 Prozent (mit Prämie) steigern lässt. Derzeit finanzieren Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Stiftungsgelder das Projekt. Fragt sich nur, wer solche Prämien auf Dauer bezahlen soll.
Auf die Bewertung ihrer Programme legen Step, Starke Eltern – Starke Kinder und Triple P großen Wert; mit guten Ergebnissen lässt sich nicht nur werben, sie dienen auch zur Abgrenzung gegenüber anderen Trainingskonzepten. Das Erziehungsprogramm PEP4Kids etwa stammt von dem ehemaligen Triple-P-Trainer und Psychologen Joachim Lask, der sich in das enge Korsett, das die Urheber in Queensland ihren lizenzierten Mitarbeitern anlegen, nicht mehr einpassen wollte. Er hat das australische Original leicht modifiziert, um weltanschauliche Aspekte ergänzt und neue Videos gedreht. Nun wirbt er auf eigene Faust um Kunden.
Von Lask stammt der Satz, ein Erziehungskurs sei eine Art »Konfirmation«; eigentlich wüssten die Eltern schon alles, der Kurs aber verhelfe ihnen zu neuer Gewissheit und Entschlossenheit. Ist es am Ende vielleicht gar nicht so entscheidend, welche einzelnen Strategien ein Elternkurs empfiehlt? Werden sich Eltern nicht aus jedem Konzept auf Dauer nur das aneignen, was zu ihnen und der Familie passt? Kann es sein, dass das ernsthafte Nachdenken über Erziehung, der Austausch und das Gespräch mit anderen am meisten weiterhilft? Und ohne Training vielleicht nicht gelungen wäre?
Verena und Daniel K. wollen jedenfalls diesen Austausch nicht mehr missen. Einmal im Vierteljahr werden sie sich weiterhin mit Silke Hendricks und der Step-Gruppe treffen. Es läuft jetzt viel entspannter mit Nick und Jette, und Situationen, die Verena K. »noch vor ein paar Monaten um die Ohren geflogen wären«, gehen heute ohne Geschrei ab. »Ich trete den Kindern viel sicherer gegenüber«, sagt sie. Bei ihrem Mann, der zu Hause bleiben musste, während die Frau Erziehen übte, klappt das noch nicht so gut. Er hat sich nun auch zum Step-Kurs angemeldet. Den Vorsprung einholen.
- Datum 21.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
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