Wenn ein Künstler ein halbes Leben lang an einem einzigen Werk gearbeitet hat, Tag für Tag, Jahr für Jahr, dann wird er, wenn der Schlusspunkt endlich gesetzt ist, einen Seufzer der Erleichterung tun, der in der ganzen Welt zu hören ist. Oder ermattet und leer in sich zusammensacken. Auf jeden Fall aber wird er doch wohl ein bisschen Urlaub nehmen von der Kunstfron und neue Energie tanken.

Bei Karlheinz Stockhausen ist das anders. 25Jahre und drei Monate hat er an seinem Opernzyklus Licht gearbeitet. Licht ist das größte zusammenhängende Werk, das je komponiert wurde. 29Stunden Musik, sieben Teile, gegliedert in die sieben Tage der Woche. Stockhausen hat dafür die "oktophone" Musik erfunden und ein Streichquartett, bei dem die Musiker in knatternden Hubschraubern spielen und über dem Konzertsaal fliegen. Er hat die Mimik des Teufels in Musik gesetzt und die Prozessionen der Engel. Er hat die Kölner Heinzelmännchen auftreten lassen und das obertonsingende Luzikamel und noch vieles andere mehr. Er hat "Himmelsmusik den Menschen und Menschenmusik den Himmlischen" gebracht, so sagt es sein Musik-Messias Michael im Donnerstag aus Licht . Und nun ist Stockhausen fertig. Endgültig.

Seine Musik, glaubt der Komponist, schafft einen besseren Menschen

Auf seiner Homepage teilt er in dürren Sätzen "bezüglich Anfang und Ende der Arbeit an Licht" mit, dass er die Komposition am 31. Dezember 2002 abgeschlossen habe. Die Mitteilung wirkt so lapidar, als habe der Komponist nach der Vollendung des Riesenwerks nur kurz aufgeblickt von den Reglern seines Mischpults, um sich gleich wieder in neue Klänge zu vertiefen. Von schöpferischer Pause ist nicht die Rede. In Interviews kündigt er bereits an, sich nach den sieben Wochentagen nun den 24 Stunden des Tages kompositorisch widmen zu wollen. Kommen nach den Stunden die Minuten und nach den Minuten die Sekunden? Stockhausen komponiert und komponiert. Nimmermüde zieht er seine Bahn, wie die Planeten um die Sonne kreisen. Der Journalistenkollege Hans-Klaus Jungheinrich hat einmal geschrieben, Stockhausen arbeite sein Lebenswerk "im Sinne einer objektivierten Ich-Vergrößerung" aus. Und diese Ich-Vergrößerung scheint bis in die Unendlichkeit des Universums auszugreifen. Wahrscheinlich wird Stockhausen noch komponieren, wenn sein Lebens-Stundenminutensekundenglas dereinst abgelaufen ist. Er glaubt an eine Existenz im Jenseits, und dort kann es für ihn eigentlich auch nur eine Berufung geben – neue Musik zu schaffen bis ans Ende aller Tage. Was ist, gemessen daran, eine Oper von 29 Stunden Aufführungsdauer? Ein paar moments musicaux im ewigen Musikschöpfungsakt, mehr nicht. "›Ewig‹, das ist ewig", sinniert der Hauptmann in Alban Bergs Büchner-Oper Wozzeck. "Nun ist es aber wieder nicht ewig, sondern ein Augenblick!" "Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denk’!"

Die Welt hat es freilich noch gar nicht richtig mitgekriegt, dass Stockhausens Opus magnum fertig ist. Es ist ja auch nur zu Ende komponiert und noch nie in einer Komplettversion zu erleben gewesen. Fünf der sieben Tage wurden szenisch uraufgeführt, drei von der Mailänder Scala und zwei von der Oper Leipzig. Der Rest blieb Stückwerk. Wie die Steine eines großen Puzzles hat der Komponist die einzelnen Szenen seines Zyklus seit 1978 in die Welt gestreut, mal hier und mal dort einen Abschnitt produzieren können. Das letzte Steinchen Licht-Bilder, die dritte Szene aus Sonntag wurde am vergangenen Wochenende bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt. Aber zusammensetzen mag das Puzzle niemand.

Keine Bühne wagt sich an die Einzeluraufführungen der Opern Mittwoch und Sonntag, geschweige denn an eine Gesamtproduktion von Licht. Welche Kulturinstitution ist in der Lage, den speziellen Raumanforderungen gerecht zu werden, die Musiker, die Elektronik und die immense Probenzeit bereitzustellen, außerdem die Nervenkraft für die hohen Realisierungsansprüche des Komponisten mitzubringen und das Geld für vier echte Hubschrauber samt Piloten? Die Stadt Essen hat eine Gesamtaufführung von Licht in Aussicht gestellt, falls sie im Jahr 2010 Europäische Kulturhauptstadt wird, auch das Dresdner Festspielhaus Hellerau zeigt sich neuerdings interessiert. Konkret ist hier wie dort freilich noch nichts.

Stockhausen denkt zuletzt an die Praktikabilität, wenn er komponiert. Kleiner, bescheidener ist sein Werk nicht zu haben, der Umfang von Licht ist dem himmelhohen künstlerischen Anspruch geschuldet: Die Komposition will nichts Geringeres entwerfen als die Vision vom gesünderen, schöneren, musikalischeren, harmonischeren Menschsein. "Wir bitten um ein neues Paradies zur Vervollkommnung des Menschen", singt der Frauenchor in Montag . Und Stockhausen belässt es nicht bei der Utopie. Licht stellt auch gleich die Einlösung der Vision durch sich selbst in Aussicht. Die Musik nämlich ist es, die den besseren Menschen schafft. Natürlich nicht irgendeine Musik, nicht die Vergangenheitsmusik von Bach, Mozart, Beethoven und bestimmt auch nicht die Gegenwartsmusik von Nono oder Henze – sondern allein die Stockhausensche.

Ob Licht tatsächlich so stark wirkt in der vollen Sieben-Tage-Dosis? Ob die musikalische Welt wirklich eine andere sein wird, wenn das Opernwunder erst einmal in vollem Glanz erstrahlt?