Museumslandschaft, das wäre zu wenig. Deutschland ist ein Museumsdschungel, ein Urwald des Schönen und der Erinnerung. Schon jetzt gibt es hierzulande mehr Museen als irgendwo sonst. Über 6000 sind es, darunter 600 für die Kunst. Und die Gründungslust hält an. Allen Schuldenkrisen trotzend, wachsen allüberall stolze Bauten heran, allein in diesen Wochen eröffnen gleich sechs Sammlungen ihr neues Quartier.

Nach der Kunsthysterie der achtziger und neunziger Jahre, in denen sich vor allem Großstädte teure Renommiermuseen zulegten, erlebt die Republik nun einen neuen Boom, den Boom in der Peripherie. Hombroich, Mülheim, Münster, Wiesbaden, Brühl, Herford, Siegen, Darmstadt, Rolandseck und Baden-Baden – überall wird diskutiert, geplant, erweitert, gebaut, überall hofft man auf An- und Aufsehen. Selbst die Zentren haben noch nicht genug von der Kunst: Manche gönnen der alten Sammlung ein neues Haus, Leipzig etwa, Berlin oder Stuttgart. Andere lassen ihre Kunsthallen wachsen, wie Hamburg oder Dortmund. Und Städte wie München werben um die Gunst privater Sammler und bauen ihnen eigene Pracht- und Prunkräume.

Vergangen sind die Zeiten, da das Museum als verstaubt und verschlafen galt und geschmäht wurde als Friedhof, Abstellkammer, Zwangsanstalt und "Museumsgefängnis" (Heinrich Wölfflin). Heute ist die Kunst ein kräftiger Wachstumsmarkt mit fast 2000 Sonderausstellungen im Jahr und mehr als 17 Millionen Besuchern, Tendenz steigend. Alles rosig, alles heiter, könnte man meinen.

In Wahrheit allerdings ist der Boom eine Krise und die Krise der Boom – der Erfolg wird zum Fluch. Viele Kommunen haben zwar genug Geld für Planung und Bau, ja, sie brauchen diese Ausgaben sogar, denn weiter verschulden dürfen sie sich laut Verfassung nur, wenn sie auch in Neues investieren. Nur zählen zu diesen Neuinvestitionen nicht das Gehalt der Mitarbeiter oder die Heiz- und Sicherheitskosten. Und so wird teuer gebaut und billig betrieben. Das wunderbare Neue Museum in Nürnberg etwa, gerade erst eingeweiht, muss plötzlich mit der Hälfte des ohnehin schmalen Etats auskommen. Noch schwerer haben es kleine Häuser, zum Beispiel das Lindenau-Museum Altenburg bei Leipzig, das 100000 Euro einsparen soll, obwohl es nur 17000 Euro für Ausstellungen und Kataloge hat. Womöglich muss nun die Kinderkunstschule zumachen.

So wird vielerorts ausgedünnt und abgeschafft, Kuratoren müssen gehen, Öffnungszeiten werden verkürzt, Teile der Sammlung vorübergehend geschlossen. In Braunschweig zum Beispiel, einer Stadt, die sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas bewirbt, war der grandiose Vermeer über viele Monate nur noch zeitweilig zu besichtigen, im Wechsel mit der kostbaren Skulpturensammlung. Vor der Schließung ganzer Häuser schrecken die Kommunen aus Furcht vor Protesten noch zurück; nur Weimar und Kornwestheim haben schon Museen dichtgemacht. In den USA ist man da schon weiter: Gleich mehrere Kunsthäuser mussten dort kurz nach der Eröffnung wieder schließen. Der große Bilbao-Effekt ist verpufft: Die Hoffnung, mit Kunst und Haute-Couture-Architektur jedes Nirgendwo in einen Ort von Welt zu verwandeln, so wie dies Frank Gehry im Baskenland gelang, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Auch hierzulande sprechen manche bereits von einem drohenden Massensterben. Die Vorsitzende der Bundestags-Enquetekommission Kultur in Deutschland, Gitta Connemann, hält es für "durchaus realistisch", dass einem Drittel aller Museen das Aus bevorstehen könnte.

Die MoMA-Ausstellung hat den Erfolgsdruck mächtig erhöht

Auch die Kunstmuseen werden wohl nicht verschont bleiben, denn bei ihnen wächst der Druck besonders. Viele Städte kürzen die Mittel, steigern aber ihre Erwartungen: Der Kunstschatz soll glänzen, und er soll Besucherrekorde brechen. Der Erfolg der MoMA-Ausstellung in Berlin, so hört man es von vielen Museumsleitern, hat große Begehrlichkeiten geweckt. Mehr noch als bisher gilt nun das Primat der großen Namen und der großen Zahl. Und der Direktor droht vollends zum Unterhaltungskünstler, zum Sponsorenjäger und Werbeonkel zu werden. Etliche Kunstwerke, die sich nicht zum Markenartikel eignen, darunter viele alte Meister, landen im Depot. Während Frankreich und England ihre althergebrachten Sammlungen mit Kennerschaft und Respekt behandeln, setzen zahlreiche deutsche Museen lieber auf klassische Moderne und aufs Zeitgenössische.

Ebenso ist die Bereitschaft, sich den Vorlieben und Launen privater Sammler auszuliefern, hierzulande weit größer als im Ausland. Die öffentlichen Ankaufetats sind meist derart zusammengeschmolzen, dass sich davon nicht mal ein halber Gerhard Richter bezahlen ließe. Und so gieren viele Städte nach den Privatkollektionen, und sei es nur als Leihgabe für ein paar Jahre. München zum Beispiel gibt etliche Millionen dafür aus, dem Sammler Brandhorst ein eigenes Museum zu bauen – und vernachlässigt die eigenen unschätzbaren Werte des Kupferstichkabinetts, das weiter mit einem bescheidenen Provisorium leben muss.