Museen Die Boom-KriseSeite 2/2

In Frankreich oder in den USA treten die Museen weit selbstbewusster auf. Dort besteht man auf Schenkung oder Stiftung und lässt sich nicht als Durchlauferhitzer missbrauchen. In Deutschland hingegen ist es schon öfter vorgekommen, dass Bilder und Skulpturen wieder abgezogen wurden, nachdem sie dank der öffentlichen Präsentation mächtig an Wert gewonnen hatten. Und selbst dort, wo dies nicht geschieht, gefährdet eine Übermacht der Privaten leicht die Autorität der Museen. Früher waren sie es, die darüber bestimmten, was als Kunst zu gelten habe und was nicht. Heute entscheiden das immer stärker die Sammler und ihre Galeristen. Wie rasch die Selbstaufgabe droht, zeigt das aktuelle Beispiel der Friedrich Christian Flick Collection in Berlin. Dort wollte der Museumsleiter Eugen Blume die Souveränität seines Hauses durch eine »wissenschaftliche Einbindung« der Privatsammlung sichern. Der aktuelle Katalog indes, der doch ein Ausbund kunsthistorischer Expertise sein müsste, ist nur ein protziges Bilderbuch – kaum mehr als ein Freundschaftsgeschenk für den Sammler. Keines der Kunstwerke wird dort eingehend analysiert, für keines die Provenienz beschrieben.

Diese Art von Ausverkauf und Unterwerfung ist die eigentliche Bedrohung für das deutsche Museum. Es verhökert seine Erfahrung und Würde, es biedert sich an mit Mode- und Autoschauen, mit Galadiners und langen Trubelnächten und verspielt so sein größtes Kapital: seine Glaubwürdigkeit. Nicht, dass es falsch wäre, um ein großes Publikum zu werben und auch ungewöhnliche Finanzierungswege zu gehen. Doch der Boom der Neueröffnungen, die Vervielfachung des Angebots droht aus dem Museum einen Allerweltsort zu machen – und zerstört damit seine Macht. Gerade die zeitgenössische Kunst ist ja auf eine auratisierende Kraft angewiesen, sie braucht die musealen Weihen, die aus dem Kaufhausflaschentrockner einen Kunstflaschentrockner machen. Für das Museum ist also nichts so kostbar wie seine Andersartigkeit. Es darf die Gesetze des Marktes und die Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht ignorieren – und muss sich ihnen doch widersetzen.

In Magdeburg ist der Eintritt frei, weil eine Kassiererin zu teuer kam

Wie viel Kraft in diesem Paradoxon stecken kann, entdecken derzeit gleich mehrere Museen. In Magdeburg zum Beispiel waren die Kosten für die Kassiererin am Ende höher als die Einnahmen in ihrer Kasse, und so gab man den Eintritt einfach frei. Nun dürfen die Besucher ganz entspannt kommen und gehen, ähnlich wie in London, wo jeder in der Mittagspause mal bei seinem Lieblingsbild vorbeischauen kann. In Deutschland ist der Eintritt oft so hoch, dass es sich Familien gleich dreimal überlegen, ins Museum zu gehen. Andere haben das Gefühl, für ihr Geld auch wirklich alles sehen zu müssen, und laufen im Stechschritt die Bilder ab. In Magdeburg hingegen darf der Besucher wieder zum Betrachter werden.

Ein anderes Experiment wagt die Kunsthalle Kiel: Dort beweist der Direktor seine Souveränität, indem er sie mit den Angestellten teilt. Sie dürfen je einen Saal mit ihren Lieblingswerken füllen, sodass nun auch lauter maritime Bilder gezeigt werden, die jahrelang im Depot hingen. Etliche Besucher hatten nach diesen Werken gefragt – bei den Leuten an der Kasse. Und die machen nun aus dem Wunsch eine Zeit lang Wirklichkeit. Ähnlich könnten sich viele Museen demokratisieren. Sie könnten öffentlich darüber diskutieren, warum das eine Werk angekauft, das andere vielleicht verkauft werden sollte. Solche Debatten würden Anteilnahme stiften und Bindung, sie zeigten, dass die Kunst nicht den Experten gehört, sondern den Bürgern.

Dies hieße natürlich nicht das Ende des kunsthistorischen Fachverstands. Im Gegenteil müsste sich das Museum viel stärker wieder der Forschung widmen, um tiefgreifend den Wert eines Bildes darlegen zu können. Mancherorts wird diese Erkenntnis bereits neu ausgelotet. Nachdem überall in den Stellenanzeigen nur noch Kulturmanager und Szenografen gesucht wurden und der wissenschaftliche Auftrag des Museums als verzichtbar galt, entdecken nun etwa die Dresdner Sammlungen die eigenen Wurzeln wieder. Ihnen ist es gelungen, die Getty-Stiftung für einen Zuschuss von 500000 Euro zu gewinnen, um den Kustoden das Forschen wieder zu ermöglichen. Das Wissen soll wachsen und damit die Ideen für neue Ausstellungen.

Doch so gut solche Einzelinitiativen auch sind – den meisten Museen werden sie nicht aus der Krise helfen. Sie werden über die Neuordnung ihrer Sammlung, über Tauschgeschäfte und Kooperationen nachdenken müssen, auch wenn das noch als großes Tabu gilt. Im Moment zeigen viele Häuser von allem ein bisschen, ein wenig Design und ein paar Brücke-Bilder. Warum nicht die Bestände bündeln, die Sammlungen verdichten, die Stärken stärken? Ein Dschungel der Künste wird Deutschland bleiben. Ein Dschungel allerdings, der das Lichten braucht und das Aufforsten. Sonst erstickt er irgendwann an sich selbst.

 
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