Eng ist es in der Hühner-WG. Dreißig Damen der Gattung Gallus gallus teilen sich einen Käfig, der in der Grundfläche etwa anderthalb Meter im Quadrat misst. Nach einem Heim glücklicher Hühner sieht das nicht aus. Und als sich dann noch Henne Nummer 9773 – nennen wir sie Heidi – mitten ins Gewühl stürzt, ist das Gegacker groß.

Doch vielleicht lässt sich der Käfig ja noch ein bisschen kleiner machen. Lars Schrader, Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Celle, demonstriert, wie er mittels Flügelschrauben die Dimensionen seiner »Kleinvolière« verändern kann. Hier lässt sich die Decke absenken, auf einen Meter Höhe hat er sie jetzt justiert: »Wir müssen schauen, was für die Tiere noch akzeptabel ist.«

Aber ist denn ein Käfig an sich akzeptabel? Die industrielle Hühnerhaltung gilt doch längst als Tierquälerei. Schrader schüttelt den Kopf. Ihm geht es darum, »Tiergerechtigkeit« herzustellen, »also Schäden, Leiden und Schmerzen zu verhindern und andererseits den Tieren zu ermöglichen, essenzielle Elemente des natürlichen Verhaltensrepertoires ausleben zu können«. Was hühnergerecht ist, das erprobt er gerade an Heidi und Konsorten. Eierproduzenten, Tierschützer und Politiker beobachten das Geschehen in Celle mit Argusaugen. Dabei ist die Marschrichtung bei der Hennenhaltung eindeutig festgelegt – raus aus Käfig und Legebatterie, hinein in die Freilandhaltung.

Zwar gibt es in Deutschland noch 33 Millionen Legehennen, die in konventionellen Käfigen hausen – ein Huhn nennt da nicht einmal eine DIN-A4-Blatt große Fläche sein Eigen. Doch seit Inkrafttreten der neuen Hennenhaltungsverordnung im März 2002 gilt: Deutschland steigt ab 2007 aus der Käfighaltung aus. Freiheit für das Federvieh – ein zentrales Ziel grüner Landwirtschaftspolitik ist erreicht und eine Forderung des Bundesverfassungsgerichts übererfüllt. Konventionelle Legebatterien erklärte es 1999 für mit dem Tierschutzgesetz unvereinbar, schränkte aber ein: »Der nationale Gesetzgeber ist grundsätzlich bereit, eine Käfighaltung zuzulassen.« Künast war es nicht.

Doch mittlerweile steht der Komplettausstieg wieder zur Disposition. Es geht um wirtschaftliche und politische Interessen. Und so erpresst der Bundesrat die grüne Bundesministerin, angeführt vom Land Niedersachen, Heimat eines Drittels aller Eier produzierenden Betriebe: Nur wenn Renate Künast vom völligen Käfigverbot für Legehennen abrückt, gibt der Rat sein Placet für eine andere Tierhaltungsverordnung, diejenige für Schweine. Deutschland fehlt im Saustall derzeit diese Regelung – Brüssel droht deshalb schon ab Januar 2005 mit Konventionalstrafen. Nun streiten Bund und Länder über die künftigen Wohnverhältnisse für über 40 Millionen Legehennen in Deutschland.

Zudem meldet sich die Wissenschaft vom Huhn zu Wort – mit einem Paukenschlag. So genannte alternative oder offene Systeme zur Legehennenhaltung, also Volieren-, Boden- und Freilandhaltung, seien weniger tierfreundlich, als die Bundesregierung glauben mache. Das totale Käfigverbot gilt als fragwürdig – Ausdruck einer übertriebenen Tierromantik. »Der Tierschutz ist als Anliegen ethisch, das heißt vom Menschen her, begründet«, gibt Hanno Würbel, Professor für Tierschutz und Ethologie an der Universität Gießen, zu denken, »und was Tiere zu ihrem Schutz brauchen, ist biologisch, das heißt vom Tier her, begründet.« Die biologischen Parameter nun sollen in Celle experimentell bestimmt werden. Die Hennen loten sie mit jeder videoüberwachten Bewegung aus.

Heidi macht sich breit. Sie presst ihren Körper leicht nach rechts auf den Boden, der mit Sägespänen bestreut ist. Sie scheint mit ihrem rechten Flügel vorwärts robben zu wollen. »Staubbaden«, erklärt Lars Schrader, »ist ein zentraler Bestandteil des natürlichen Verhaltensrepertoires.« Mit Sand reinigen die Vögel ihr Gefieder. Es gehört für sie ebenso untrennbar zum Tagesablauf wie das Scharren. Im Celler Modell lädt ein so genannter Einstreubereich aus Kunstrasen dazu ein. In herkömmlichen Hennenkäfigen hingegen besteht der gesamte Boden aus Draht- oder Plastikgitter, damit der Kot nach unten fallen kann, wo er gesammelt wird. Das war dann zwar hygienisch, aber wenig hühnerfreundlich. Mittlerweile ist es selbst unter Produzenten Konsens, dass die noch weit verbreiteten Kleinkäfige blanke Quälerei sind. Europaweit werden sie bis 2012 abgeschafft.

Ihr offizieller Nachfolger heißt »ausgestalteter Käfig« und bietet einerseits mehr Platz pro Huhn, andererseits eine Art Möblierung mit Einstreubereich, Nest und Sitzstangen. Solche Käfige haben obendrein den wirtschaftlichen Vorteil, in die bestehenden Ställe und die Abläufe der industriellen Eierproduktion zu passen. Aber Forscher kritisieren auch diese von Brüssel abgesegneten Lege-Appartements als zu eng. »Ausgestaltete Käfige nach den Mindestanforderungen der EU konnten nicht alle Parameter für Tiergerechtheit erfüllen«, sagt Lars Schrader und ergänzt, »es ist aber nicht ausgeschlossen, dass zukünftige Modelle es können.« Aber warum lässt man die Hühner denn nicht gleich ganz frei herumlaufen?