Buch im Gespräch Die Nemesis des George W. Bush
Er hat alle Preise gewonnen, die es in seinem Beruf zu gewinnen gibt. Vielen gilt er gar als der Welt bester Reporter. Und dennoch komme er sich wie eine Made vor, die nur von totem Gewebe lebt, sagte Seymour M. Hersh jüngst in einem Interview. An den eigenen Maßstäben gemessen, kam er stets zu spät. Noch heute wurmt es ihn, dass er den Massenmord von My Lai mit 18-monatiger Verspätung und die geheime Bombardierung Kambodschas erst nach drei Jahren aufdecken konnte. Selbst seinem Beitrag zum Sturz von Richard Nixon kann er wenig abgewinnen und kritisiert sich wie seine Kollegen für das Versäumnis, den Watergate-Skandal nicht vor der Wiederwahl des Präsidenten mit dem gebotenen Nachdruck recherchiert zu haben.
In jüngster Zeit freilich publiziert Hersh just in time. Monat für Monat setzt er der Administration Bush zu – mit aufsehenerregenden Enthüllungen über die Vorgeschichte des 11. Septembers, den Irak-Krieg und jüngst über die Folterkeller in Abu Ghraib. Ursprünglich im New Yorker erschienen, liegen die Aufsätze jetzt in überarbeiteter Form auch in deutscher Übersetzung vor. Sie sind mit Abstand das Beste, was bislang über das Innenleben dieser Regierung geschrieben wurde. Nur wenige Journalisten verfügen über einen derartigen Fundus an Informationen, keiner schreibt so unaufgeregt und präzise wie Hersh. Für die Verlässlichkeit seiner Texte bürgt obendrein eine Redaktion, die dem aus der Mode gekommenen Grundsatz verpflichtet ist, jede Quelle zu überprüfen.
Jenseits des Beharrungsvermögens und der Professionalität des Autors ist dieses Buch durch eine Vielzahl von Dissidenten aus dem inneren Kreis der Macht möglich geworden. Selten, wenn überhaupt war ein Präsident mit einer derartigen Opposition von Enttäuschten und Unzufriedenen konfrontiert. Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats, Geheimdienstler, hochrangige Militärs und Diplomaten vertrauten sich Hersh an und gaben Interna preis, die üblicherweise erst nachgeborene Historiker zu Gesicht bekommen. Die jüngst lancierten Warnungen des Weißen Hauses vor einer »Verschwörung« gegen die Wiederwahl des Präsidenten zielen nicht zuletzt auf Hershs Gewährsleute. Offenbar erkennt Bush in ihnen seine Nemesis.
Hershs Bilanz wirkt in Wahlkampfzeiten wie ein politischer Sprengsatz, weil er in wesentlichen Punkten die Selbstdarstellung von George W. Bush demontiert. Erstens weist er in bis dato ungekannter Genauigkeit nach, dass das Weiße Haus nebst der Führung des Pentagons unmittelbar für die Folter in Abu Ghraib und andernorts verantwortlich zeichnet. Vom Präsidenten abgesegnete Direktiven lesen sich wie eine Carte blanche für Menschenjagd und »unkonventionelle Verhörmethoden«. Und zweitens lässt seine Darstellung des Irak-Krieges nur einen Schluss zu: Hier sind Weltanschauungskrieger am Werk, die sich vorsätzlich über alle Warnungen von Geheimdiensten und Militärs hinwegsetzen und die infolge ihrer ideologischen Verblendung einen Ausweg weder finden wollen noch können.
Trotz dieser unübertroffenen Chronik laufender Ereignisse hadert Seymour Hersh mit dem Ergebnis seiner Recherchen. Denn auf die Schlüsselfrage weiß selbst er noch keine befriedigende Antwort: Wie es nämlich einer kleinen Gruppe um Donald Rumsfeld und Richard Cheney gelingen konnte, mächtige Bürokratien zu übertölpeln und am Ende vom Entscheidungsprozess auszuschließen. Diesem Thema und mithin der Verletzlichkeit des politischen Systems gegenüber »ideologischen Zellen« will Hersh weiter nachgehen. Deshalb wird der New Yorker künftig auch hierzulande zur Pflichtlektüre gehören.
Die BefehlsketteGeorge W. Bush | Reportagen | USA | US-RegierungPolitisches BuchVom 11. September bis Abu Ghraib; aus dem Englischen von Hans Freundl, Norbert Juraschitz, Reiner Pfleiderer und Thomas PfeifferSeymour M. HershBuchRowohlt2004Reinbek14,90399Hans Freundl | Norbert Juraschitz | Reiner Pfleiderer | Thomas Pfeifferaus dem Englischen- Datum 21.10.2004 - 14:00 Uhr
- Serie buch im gespraech
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
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