Wilhelminische Tagebücher Plante Tirpitz einen Putsch?

Die Tagebücher des Vizeadmirals Albert Hopman bieten überraschende Innenansichten des wilhelminischen Machtapparats

Am 16. Juni 1914 berichtete Albert Hopman, Leiter der Zentralabteilung im Reichsmarineamt, in seinem Tagebuch von einem »eigenartigen Traum«: Ihm sei darin der alte Kaiser Wilhelm erschienen, »der stark zusammengesunken einen in der Scheide steckenden Säbel in der Hand mit einigen Leuten sprach. Ich ging auf ihn zu und führte ihn stützend nach dem Schloß. Dabei sagte er zu mir: Ihr müßt das Schwert mal wieder ziehen. So geht’s nicht weiter. Mein Enkel ist zu schlapp. Dann wurde ich wach.«

Aus dem Traum wurde nur wenige Wochen später Wirklichkeit, als die deutsche Reichsleitung das Attentat von Sarajevo am 28. Juli 1914 zum Anlass nahm, um die entscheidende diplomatische Kraftprobe mit der Triple-Entente Frankreich, England und Russland zu riskieren. Am Ende einer halsbrecherischen Eskalationsstrategie stand der Weg in den Ersten Weltkrieg.

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Die Tagebücher Albert Hopmans, die im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg verwahrt werden, galten unter Historikern schon lange als Geheimtipp. Denn dieser hohe Marineoffizier war die rechte Hand von Großadmiral Alfred von Tirpitz, Staatssekretär des Reichsmarineamts seit 1897 und Schöpfer der deutschen Schlachtflotte, in der sich die Weltmachtambitionen des wilhelminischen Deutschland am sinnfälligsten spiegelten.

Nun hat Michael Epkenhans, der sich vor Jahren bereits mit einer grundlegenden Untersuchung zur deutschen Flottenrüstung vor dem Ersten Weltkrieg einen Namen gemacht hat, die Tagebücher in einer vorzüglich kommentierten Auswahl herausgegeben, ergänzt um Denkschriften und Briefe aus dem privaten Nachlass. Es handelt sich um eine interessante, streckenweise sogar aufregende Lektüre, denn aufgrund seiner Nähe zu wichtigen Entscheidungsträgern in der Reichsleitung war Hopman über die Interna der deutschen Politik in der Regel außerordentlich gut informiert.

Epkenhans schildert Hopman in seiner umfangreichen Einleitung als einen typischen »Wilhelminer«. 1865 geboren, gehörte er zu jener Generation, die mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 gerade »großjährig« geworden war und deren berufliche Karriere sich parallel zum rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des deutschen Kaiserreichs vollzog. Die Überzeugung, dass die Bismarcksche Reichsgründung nicht den Abschluss, sondern erst den Anfang einer deutschen Großmachtrolle markierte, teilte er mit vielen seiner Zeitgenossen. »Weltpolitik« lautete die neue Zauberformel, und die Schlachtflotte galt als das probate Mittel, um England, die bisherige Weltmacht Nummer eins, in die Schranken zu verweisen.

Doch schon vor 1914 wuchs Hopmans Skepsis, ob mit den Methoden der wilhelminischen Außenpolitik das angestrebte Ziel zu erreichen sei. Besonders Wilhelm II. sah er zunehmend kritischer. »Echte wilhelminische Posaunen- und Hurrapolitik«, kommentierte er die ersten Marokkokrise im März 1905, und noch harscher fiel das Urteil nach der zweiten Marokkokrise 1911 aus: »Wir haben nur zu schnell hoch hinaus gewollt und als Parvenus das Maul zu voll genommen. Der Schuldige ist Wilhelm II. Das bekommt die Nation jetzt auch zu wissen…«

Während der Julikrise 1914 stand Hopman als Leiter der Zenralabteilung des Reichsmarineamts in ständigem Kontakt mit den führenden Beamten im Auswärtigen Amt. Seine Aufzeichnungen aus diesen hektischen Wochen belegen, dass die Reichsleitung sich zwar bewusst war, welchen gefährlichen Kurs sie Anfang Juli mit dem »Blankoscheck« an Österreich-Ungarn für eine Strafaktion gegen Serbien eingeschlagen hatte, aber dennoch nicht fest damit rechnete, dass es darüber zum großen europäischen Konflikt kommen würde. Auch Hopman glaubte noch am 21. Juli nicht an Krieg. »Wegen Serbiens zerfleischt sich Europa nicht.« Nach dem Bekanntwerden des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien am 23. Juli spitzte sich die Lage jedoch rasch zu, und am 30. Juli, nachdem England erklärt hatte, in einem europäischen Kontinentalkrieg nicht neutral bleiben zu wollen, notierte Hopman, was Tirpitz in einem Gespräch mit dem Reichskanzler Bethmann Hollweg erfahren hatte: »Kanzler betrachte Situation als sehr ernst, glaube nicht mehr an friedliche Lösung. Habe sich in Englands Haltung getäuscht.«

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