Die Archäologen der Zukunft werden jubeln, wenn sie in einigen Jahrtausenden den Spaten in Brüssel am Boulevard Leopold III in die Erde stoßen. Denn die Ruinen, die sie dort finden werden, waren einst das Hauptquartier des mächtigsten Militärbundes um die zweite Jahrtausendwende: der Nato. Ein Fund ähnlicher Tragweite gelang diesen Sommer dem Archäologen Hans Lohmann von der Bochumer Ruhr-Universität. Er entdeckte auf den entlegenen Höhen des Mykale-Gebirges an der kleinasiatischen Westküste die Überreste des Panionions – des zentralen Heiligtums des Ionischen Bundes, gebaut im 6. Jahrhundert vor Christus. Damals war das kleinasiatische Bündnis zwölf ionischer Städte die letzte Bastion der griechischen Welt gegen die Bedrohung des immer mächtiger werdenden Perserreichs.

Was Lohmann dort oben im Gebirge fand, lässt von der einstigen Bedeutung allerdings kaum etwas erahnen: ein flacher Schutthügel, 38 Meter lang und 18 Meter breit. Archäologen horchen bei diesen Maßen jedoch auf: Hier könnte ein Tempel von einhundert griechischen Fuß Länge, ein so genannter Hekatompedos, Platz gefunden haben. Aus dem Haufen ragen Architekturteile, hier ein Kapitellfragment, da ein Stück ionische Säule; dazwischen immer wieder Dachziegel. Die Einzelteile geben Aufschluss über die Größe des Baus. Bei einem Durchmesser von 52 Zentimetern können die Säulen einst sechs Meter in die Höhe geragt haben. Sowohl Architekturteile als auch Ziegel ermöglichen eine erste Datierung in die Zeit um 540 vor Christus.

Es sind bewegte Jahre an der kleinasiatischen Küste. Unter dem Dach des Ionischen Bundes blühen Kultur und Wissenschaft, der Fernhandel floriert. Mit den Waren aus dem Orient kommen auch Ideen aus Babylonien und Ägypten. Sie werden begierig aufgenommen und bereiten hier die philosophischen Fundamente für die griechische Antike. Thales, der älteste der sieben Weisen, sagt korrekt für 585 vor Christus eine Sonnenfinsternis voraus und berechnet die Höhe der ägyptischen Pyramiden. Die ionischen Naturphilosophen wie Anaximander (611 bis 546 vor Christus) brechen mit dem Glauben an die Allmacht der Götter und entwerfen ein rein physikalisches Weltbild. Anaximenes (585 bis 525 vor Christus) unterscheidet zwischen Planeten und Fixsternen und kennt die natürlichen Ursachen für Blitz, Hagel und Regenbogen. Schließlich behauptet Heraklit »der Dunkle« (535/540 bis 475/480 vor Christus) sogar, auch die Götter unterlägen dem Prinzip, das die Welt bewegt: dem Streit, dem »Vater aller Dinge«.

Der Bund der Zwölf wurde mit dem Blut der Opfertiere begossen

Das Herz dieses Städtebundes schlägt »auf der Mykale luftigem Scheitel«. Hier wohnten, wie Homer im zweiten Gesang der Ilias beschreibt, einst die »barbarischen« Karer, die unter der Führung des Nastes im trojanischen Krieg den Belagerten gegen die Griechen zuhilfe eilten. Zwei Jahrhunderte später verdrängen die vom griechischen Festland aus eingewanderten Ionier die Karer. Im »melischen Krieg« ringen sie ihnen die Stadt Melia ab – mitsamt dem dort ansässigen Heiligtum. An dessen Stelle richten die zwölf Ionischen Städte gemeinsam das Panionion und den Kult des Poseidon Heliokonios ein – als Manifestation ihrer Macht und gleichzeitig als ersten Schritt zu ihrem neuen Selbstverständnis. Erst jetzt beginnen sie, sich als »Ionier« zu fühlen – vorher dürften sich die Einwanderer eher als locker verbündete Stämme mit gemeinsamer griechischer Herkunft betrachtet haben. Das Panionion ist also mehr als nur ein weiteres Heiligtum für den Meeres- und Erdbebengott. Das »All-ionische Heiligtum« ist ein exklusiver Club. Nur wer Mitglied ist im Bund der Zwölf, darf hier opfern. Und Mitglied sein heißt, sich auch politisch und militärisch den Zielen des Bundes zu verpflichten.

Bereits 1900 hatte der Gräzist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf nach eingehendem Studium der antiken Quellen vorausgesagt, das Panionion müsse dort zu finden sein, wo einst das karische Melia stand. Bislang galten jedoch Ruinen nahe der Ortschaft Güzelçamlı, nordwestlich von Lohmanns Fundplatz, als Überrest des berühmten Heiligtums. 1904 hatte Theodor Wiegand, Ausgräber von Priene und Milet, dort einen halbkreisförmigen Stufenbau und die Fundamente eines Altars als Panionion identifiziert. Erst in den 1950er Jahren gruben die beiden Archäologen Gerhard Kleiner und Peter Hommel genauer nach. Sie konnten zwar nichts Karisches und auch keine Scherben oder Bauteile aus der archaischen Zeit, also dem 7. und 6. Jahrhundert vor Christus finden, hielten aber trotzdem an der Deutung Wiegands fest.

Schon 1968 kam Hans Lohmann auf einer Exkursion mit seinem Lehrer Karl Schefold in Güzelçamlı vorbei. Damals fragte er sich enttäuscht: »Was? Das soll das berühmte Panionion sein?« Seit 1999 forscht er nun selbst in der Mykale. Und als er in der diesjährigen Surveykampagne, 36 Jahre nach seinem ersten Besuch, nun mit seinen eigenen Schülern Georg Kalaitzoglu und Gundula Lüdorf die Ruinen genauer in Augenschein nahm, bestätigte sich: Weder Stufenbau noch Altar waren jemals fertig gebaut worden. »Offenbar hatte man Ende des 4., Anfang des 3. Jahrhunderts vor Christus versucht, den Panionischen Bund und seinen Kult wieder aufleben zu lassen. Aber der Plan wurde nie völlig realisiert, der Bau blieb unvollendet.« Diese Deutung passt auch zu der Angabe des Historikers Diodor aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, man habe das Heiligtum in späterer Zeit verlegen wollen. Das archaische Panionion musste folglich woanders liegen.

Über die genaue Lage des ersten Panionions ist von den antiken Geschichtsschreibern nur wenig bekannt. Herodot schreibt im 5. Jahrhundert vor Christus, »das Panionion ist ein heiliger Platz in der Mykale, der sich nach Norden erstreckt und von den Ioniern gemeinsam Poseidon Helikonios geweiht ist«. Diodor fügt dem noch hinzu, das Heiligtum habe an »einsamer Stelle« gelegen. An einer solch einsamen Stelle des Gebirgszugs, 750 Meter über dem Meeresspiegel, stieß Lohmanns Team nun auf die ausgedehnten Ruinen einer befestigten karischen Höhensiedlung aus dem frühen 7. Jahrhundert vor Christus. Lag hier das alte Melia? »Eine einsamere Stelle«, sagt Lohmann, »ist kaum vorstellbar«. Einzige Besucher in der Abgeschiedenheit sind die Wildpferde der Mykale, die zu einer kleinen Mulde zwischen den Steinen zum Trinken kommen. Die Tränke führt, offenbar schon seit archaischer Zeit, noch weit bis in den Frühsommer hinein Wasser – lebensnotwendig in den kargen Höhen. Dass der Ort auch heute noch so einsam ist wie zu Herodots Zeiten, ist vornehmlich dem Umstand zu verdanken, dass die türkische Regierung die gesamte Mykale westlich der Linie Güzelçamlı–Atburgazı zum Naturschutzgebiet (Milli Park) und ihren westlichen Teil zum militärischen Sperrgebiet erklärt hat.