Archäologie Die Ruinen der MachtSeite 2/2

Was passierte damals zwischen den hohen Säulen des Tempels? Poseidon verlangte es nach Stieren. Junge Ionier zerrten die Tiere zum Altar – je lauter der Stier dabei brüllte und stöhnte, desto mehr Gefallen fand der Meeresgott an der Vorstellung zu seinen Ehren. Schon in der Antike interpretierten Gelehrte den Namen des Gebirgszugs als lautmalerische Anspielung auf das Todesgebrüll der Stiere: »Mykale« (»Müüühkale«) würde es von den Felswänden widerhallen.

Zu dem Zeitpunkt, als das archaische Panionion gebaut wird, fallen die Perser an der kleinasiatischen Westküste ein. Vierzig Jahre lang herrschen sie über die Region, bis am Ende des 6. Jahrhunderts den Ioniern der Kragen platzt. Sie rebellieren und zetteln den »Ionischen Aufstand« an. Ihre Hilferufe an das griechische Mutterland verhallen weitgehend ungehört. Lediglich Athen und Eretria schicken kleine Flottengeschwader, deren Einsatz allerdings wirkungslos bleibt. Wenn auch nicht bedeutungslos: Der persische Großkönig Dareios I. merkt sich genau, wer seine Feinde unterstützt. In der Folge wird dieser Hilfseinsatz zu den Perserkriegen führen, 480 vor Christus legt das persische Heer Athen in Schutt und Asche. Doch zunächst fällt 494 vor Christus Milet und mit der Stadt der ganze Bund. Die Ionier müssen sich Dareios unterwerfen. Der Städtebund ist besiegt. Mit der Niederlage der Ionier gegen die Perser endet auch die Geschichte des archaischen Panionion. Die Sieger verbieten den Kult. Ionien ist nicht mehr.

Auch heute ist das Panionion wieder bedroht. Der Schutthügel ist an einer Seite bereits mit schwerem Gerät, wahrscheinlich einem Radlader, aufgewühlt worden. Löcher zeugen davon, dass in Melia auch Schatzsucher mit Metalldetektoren am Werk waren. Doch es ist unmöglich, die Stätte in der Einsamkeit der Mykale vor solchen Überfällen zu schützen. Daher ist für nächstes Jahr eine Notgrabung geplant. »Es gilt, hochbedeutendes Kulturgut vor dem Zugriff vandalisierender Halunken zu schützen, die nur auf Gold aus sind«, wettert Lohmann, »und alles andere wie beispielsweise den wunderschönen archaischen Stirnziegel mit Darstellung eines Löwen vom Dachrand des Tempels rücksichtslos zerschlagen.«

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
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  • Schlagworte Archäologie | Wissenschaft | Ägypten | Athen
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