verhalten Wehe, wenn der Teufel grinst

Kinder, die bei Glücksspielen hohe Einsätze riskieren, neigen auch im Straßenverkehr zu riskantem Verhalten

Die fünfjährige Suse zieht ein langes Gesicht. Sechs Sticker hatte sie schon ergattert beim »Teufelchen-Spiel«. Jedesmal ging es gut: In sechs von den zehn bunten Schachteln, die sie nacheinander aufmachte, lag, wie gehofft, ein bunter Aufkleber. In Schachtel Nummer sieben aber grinst ihr nun das Abbild eines Teufelchens frech entgegen. Und damit hat sie verloren – nicht nur der siebente Sticker, sondern auch alle anderen sind futsch. Zwar hätte sie das Spiel jederzeit abbrechen können, aber die Versuchung, noch einen Sticker zu ergattern, war zu groß. Wäre sie doch nur so schlau gewesen, wie ihre Freundin Sophia, dann hätte sie rechtzeitig aufgehört mit der Stickerjagd.

Sophia ist jetzt stolze Besitzerin von drei Stickern; Suse ist sauer. Ob sie beim nächsten Mal etwas weniger riskiert? Vermutlich nicht. Wenn es dabei wieder nur um Gewinne im Teufelchen-Spiel geht, wäre die Sache auch harmlos. Doch es geht um mehr. Das Spiel mit den zehn Schachteln ist Bestandteil einer Untersuchung, die der Psychologe Ulrich Hoffrage vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung mit 44 Fünf- und Sechsjährigen durchgeführt hat. Ergebnis: Kinder, die das Glücksspiel so forsch wie Suse angehen, verhalten sich auch im Straßenverkehr genauso risikobereit. Damit aber leben sie sehr viel gefährlicher als eher vorsichtige Kinder wie Sophia.

Anzeige

Trotz Verkehrskasper, Ermahnungen, Tempolimits oder Schülerlotsen – in Deutschland verunglücken jährlich etwa 41000 Kinder im Straßenverkehr, 250 von ihnen tödlich. Das Berliner Experiment hat nun gezeigt: Wie stark ein Kind bedroht ist, hängt nicht allein davon ab, wie alt es ist oder wo und wie es lebt, sondern auch von seiner Persönlichkeit. Der Zusammenhang von Risikofreude beim Spiel und riskantem Verhalten im Straßenverkehr bestätigte sich im zweiten Testteil.

Um das Verhalten der Kinder auf der Straße zu untersuchen, wurde jedes von ihnen etwa zehn Minuten lang an die Bordsteinkante einer viel befahrenen Einbahnstraße gestellt – und dabei sorgfältig mit einem Gurt gesichert. Mit einem Schritt auf eine Signalmatte sollte es jeweils anzeigen, wann es die Straße seiner Ansicht nach gefahrlos überqueren konnte. Das ruhige Überqueren dauerte etwa sieben Sekunden, rennend war die Strecke auch in drei Sekunden zu schaffen.

Die Szene wurde gefilmt und ausgewertet und bestätigte den gefährlichen Zusammenhang. Vorsichtige Kinder wie Sophia wollten die Straße nur dann überqueren, wenn sie mehr als sieben Sekunden Zeit hatten, bis das nächste Auto kam. Die kleinen »Suses« neigten dagegen sehr viel häufiger dazu, den Sprint auch in deutlich weniger als sieben Sekunden zu riskieren.

Dabei hielt das Experiment eine Überraschung bereit: Obwohl mehr Jungen als Mädchen im Straßenverkehr verunglücken, waren die in der Studie gefundenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern weniger groß als vermutet. »Das Verhalten bei dem einfachen Glücksspiel sagt das Verhalten besser voraus als etwa das Geschlecht«, sagt Ulrich Hoffrage.

Was den Forscher jedoch verblüffte: Ersetzte man das Teufelchen-Spiel durch eine Verkehrssimulation am Computer, so ließ die Spielweise der Kinder dort keinerlei Rückschlüsse auf ihr Verkehrsverhalten zu. Am PC ging es darum, ein auf dem Bildschirm gezeigtes Männchen über eine Straße mit simuliertem Verkehr zu schicken. Wenn das gelang, gab es Pluspunkte, wurde das Männchen jedoch überfahren, gab es für den Spieler Punktabzug. Und siehe da: Auch die kleinen Sophias riskierten bedenkenlos Leib und Leben ihrer Computermännchen, um möglichst viele Punkte zu machen. Offenbar können schon Fünf- und Sechsjährige sehr gut beurteilen, ob es um eine Existenzfrage oder schlicht um reine Gewinnausschüttung geht, folgert der Psychologe. Das Glücksspiel ähnele dagegen mehr der Situation im Straßenverkehr, sagt Hoffrage: »Entweder man bekommt, was man will, oder man verliert alles, was man hat – wie bei einem Verkehrsunfall.« Eltern könnten mit diesen oder einem ähnlichen Glücksspiel durchaus auch selbst testen, ob ihr Kind besonders risikofreudig und damit besonders gefährdet ist – und dann gegebenenfalls das Kind aufmerksamer durch den Verkehr begleiten.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Glücksspiel | Familie und Partnerschaft | Tempolimit | Kinder
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service