Weniger kann tatsächlich mehr sein. Fabian und Elke Schmitt erleben das jeden Tag. Sie wohnen inmitten des Weniger, im schrumpfenden Braunschweig. 34500 Menschen hat die niedersächsische Großstadt mitsamt ihrer Umgebung in den vergangenen 25 Jahren verloren. Der Schwund hat aus der Region werden lassen, was in den Zeiten des Wachstums unmöglich zu erreichen schien: Ökotopia.

Astrid, die kleine Tochter der Schmitts, kann gefahrlos auf der Straße spielen. Autoverkehr gibt es nur wenig. Wenn die Schmitts, selten genug, selbst einmal Auto fahren, dann nutzen sie einen jener neuen 1-Liter-VWs, die mit einer Tankfüllung 3000 Kilometer weit kommen. Staus kennt die Familie eben so wenig wie Parkplatznot. Allerdings kostet Parken etwas mehr als früher.

Lukas, der Neffe von Astrid, wohnt in einem Dorf außerhalb Braunschweigs und geht schon in die Schule. Früher hätte man sie verächtlich Zwergschule genannt, heute heißt sie Kleine Grundschule. Jahrgangsübergreifender Unterricht findet dort statt. Die Bildungspolitiker haben sich das einfallen lassen, um den Schulstandort vor der Schließung zu retten; schließlich gibt es weniger Kinder. Deshalb fährt auch der Schulbus nur noch zweimal täglich. Egal. Wenn einmal die letzte Stunde ausfällt, benutzt Lukas einfach den Bürgerbus. Seine Mutter – von Beruf Bäuerin, die nach Rinderwahn und Schweineschreck auf Ökoproduktion umsattelte – chauffiert den Kleinbus einmal pro Woche ehrenamtlich; so, wie viele andere Dorfbewohner auch. Weil die Verkehrsbetriebe den Fahrplan mangels Passagieren drastisch ausdünnen mussten, beteiligt sich die Dorfgemeinschaft außerdem am Landesprogramm "Mitfahren – gemeinsam sparen". Wer jemanden in seinem Auto mitnimmt, bekommt als Dankeschön einen Benzingutschein. Funktioniert prima.

So schön kann Schrumpfen sein. Jedenfalls kann sich das Manfred Wermuth vorstellen. Der Direktor des Braunschweiger Instituts für Verkehr und Stadtbauwesen hat die Geschichte der Schmitts erfunden – im Rahmen des Ideenwettbewerbs Stadt 2030, den Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn ausgerufen hat.

Schrumpfen kann aber auch weh tun. Dafür spricht Wermuths "Trendszenario", im Computer errechnet. Trotz schrumpfender Bevölkerung nimmt danach der Autoverkehr in der Region Braunschweig zu. Das Umland wird weiter zersiedelt. Die Verkehrsbetriebe schränken ihr Angebot ein. Wer zur Arbeit oder zum Einkaufen will, muss Auto fahren. Die Lärmbelastung wächst. Braunschweig und die anderen Städte der Region werden unattraktiv, die Menschen flüchten aufs Land. Ein Teufelskreis. "Die demografische Entwicklung wird die Verkehrsprobleme nicht lösen", prophezeit Wermuth. Und: "Die Lebensqualität in der Region Braunschweig verschlechtert sich."

Der demografische Wandel ist ein Mega-Thema. Doch während sich alle einig sind, dass die weltweit wachsende Bevölkerung für die Umwelt zusätzlichen Stress bedeutet, tappen die Experten weitgehend im Dunkeln, wenn es gilt, die ökologischen Konsequenzen alternder und schrumpfender Gesellschaften zu beschreiben.