Futtern für den Sieg

Wolfram Siebeck beobachtet den amerikanischen Wahlkampf. Und fragt sich, warum Bush, Kerry und all die anderen nie Wein trinken, sondern immer nur Kaffee aus Pappbechern. Und dazu noch alles Mögliche knabbern

Es ist Wahlkampf in den USA. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Wähler etwas über die Lieblingsspeisen der Kandidaten erfahren. Das fängt ganz harmlos an. Zunächst rücken die Gattinnen ins Rampenlicht, dann die Töchter. Sodann trifft sich die komplette Familie beim Segeln vor der Ostküste oder beim Barbecue auf der Ranch.

Barbecue ist das, was wir Grillen nennen: Im Mittelpunkt dieser Tätigkeit steht ein High-Tech-Grillrost, auf dem dicke Stücke Ochsenfleisch einer tödlichen Glut ausgesetzt werden. Sobald es schwarz verbrannt ist, wird das Fleisch auf Pappteller gelegt und unter Abspielen der Nationalhymne einhändig gegessen, während die andere Hand den Magen besänftigt. Was dazu getrunken wird, erfährt die Öffentlichkeit nur dann, wenn es sich um Kaffee handelt, welcher tradionsgemäß in Pappbechern gereicht wird. (Darüber später mehr.)

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Manchmal, wenn die Kandidaten leichtsinnig sind, darf auch eine Bierdose mit aufs Bild. Aber noch nie hat man einen amtierenden oder künftigen Präsidenten mit einer Flasche Wein gesehen. In der Vorstellung seiner Wähler ist jemand, der Wein trinkt, ein sündhafter, haltloser Mensch, der im Suff sogar einen Pakt mit dem Antichrist schließen würde. Zumindest aber mit den Frenchies, von denen man ja weiß, dass sie jeden Tag Wein trinken.

Nach dem Barbecue kommen dann andere Lieblingsspeisen in die Schlagzeilen. So hat der amerikanische Geheimdienst herausgefunden, dass Senator Kerry gerne chocolate chip cookies knabbert. Von diesen Keksen wurde sogar ein Rezept gefunden, sodass also, anders als bei Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, kein Zweifel an der Existenz der Kekse besteht.

Wenn amerikanische Präsidenten essen, dann knabbern sie in Wirklichkeit nur, könnte man vermuten. Diese Vorliebe wurde dem amtierenden Präsidenten zweimal fast zu Verhängnis: einmal, als er an einem rohen Maiskolben knabberte, und zum zweiten Mal, als er den Teppich im Weißen Haus mit Brezeln voll krümelte, die er besonders gern knabbert, aber nicht verträgt. Nixon wiederum versaute den Teppich mit kleinen Stücken gesalzener Schweinehaut: Das war sein Lieblingsfutter beim Abhören der Tonbänder. Und Jimmy Carter, der Erdnussfarmer aus Georgia, knabberte natürlich Erdnüsse. Nur Bill Clinton ist ein bekennender Fan von ekligem Fast Food, an dem man sich keine Zähne ausbeißen kann.

All diese Einzelheiten sind während der jeweiligen Wahlkämpfe bekannt geworden. Die Frage ist nur: Wollte man damit die Kandidaten diffamieren, oder konnten solche Veröffentlichungen ihre Sympathiewerte erhöhen? Angesichts der allgemeinen amerikanischen Essgewohnheiten besteht kein Zweifel daran, dass jemand, der öffentlich in einen fetten Cheeseburger beißt, des Beifalls aller US-Patrioten sicher sein kann.

An dieser Stelle angelangt, erwacht Frau Hoffmann aus ihrem Dauerschlaf. »Was ist ein fetter Cheeseburger?«, fragt sie und beginnt gleichzeitig mit ihrer Katzenwäsche. »Du würdest es nicht mögen«, antworte ich und hoffe, damit eine Diskussion über amerikanische Folklore im Keim erstickt zu haben. Offenbar ist sie aber hungrig, denn sie hakt nach: »Enthält es Fleisch oder Fisch, oder ist es vegetarisch?« – »Weiß ich nicht. Hab so was noch nie gegessen.« – »Woher willst du dann wissen, dass es mir nicht schmeckt?« – »Ich habe auch noch keinen Maulwurf gegessen und weiß trotzdem, dass du Maulwürfe nicht magst.« – »Das ist nicht schwer zu erraten. Niemand mag Maulwürfe.« Wahrscheinlich hat sie Recht. Es hätte also keinen Sinn, wenn sich George W. Bush vor Fernsehkameras als Liebhaber von gegrillten Maulwürfen outete.

Obwohl: Helmut Kohl hat es nicht geschadet, dass er sich zum Saumagen bekannte, so wie auch keinem der amerikanischen Präsidenten bis heute übel genommen wurde, dass sie Kaffee aus Pappbechern trinken. Alle ließen sich schamlos fotografieren, wie sie einen knitterigen weißen Becher in der Hand hielten.

Gut, man kennt die Qualität des amerikanischen Kaffees. Aber dieser vulgäre Anblick hat doch Folgen! Oder sollte es in den USA keine Ästheten geben, denen sich der Magen umdreht, wenn sie sehen, wie der erste Mann des Staates aus einem Pappbecher trinkt?

Wie will man den Kids Manieren beibringen, wenn sie so etwas mitansehen müssen? Und die Tatsache, dass wir hier im alten Europa in unseren Autos plötzlich cupholder entdecken, die nur dazu bestimmt sind, Pappbecher aufzunehmen oder – genau so schlimm – Coca-Cola-Dosen, ist kein geeignetes Mittel gegen den Antiamerikanismus.

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