Eine Flasche Wein aufzutreiben kommt dieser Tage in Bagdad einer Schatzsuche gleich. Vor dem Krieg gab es zahlreiche Geschäfte, die alkoholische Getränke verkaufen durften. Die meisten waren von Christen geführt worden. Auch in wenigen erlesenen Restaurants wurde Alkohol ausgeschenkt. Das Nabil im noblen Bagdader Viertel Arasat war eines davon. Aber auch dort gibt es heute keinen Wein mehr. Das Nabil ist Anfang des Jahres durch eine Autobombe zerstört worden.

Wein und Bier waren immer ein Politikum im muslimischen Irak. Nach dem ersten Golfkrieg 1991 erließ Saddam Hussein das Verbot, öffentlich Alkohol zu trinken. Es war ein Teil seines Islamierungsprogramms, mit dem er auf die Niederlage in diesem Krieg reagierte, um seine Herrschaft zu festigen.

Als die Bombardements im April 2003 aufhörten, öffneten viele Alkoholverkäufer ihre Geschäfte in Bagdad wieder. Sie dachten, dass die Ausländer ihnen gutes Geld bringen würden. Es kam ganz anders. Mit der Besetzung nämlich vergrößerte sich auch der Einfluss islamischer Fundamentalisten sunnitischer wie schiitischer Provenienz. Einige Hardliner sind zudem in der Regierung vertreten. Das alles macht das Leben der Alkoholverkäufer schwer – und brandgefährlich. In Bagdad sind seit der Invasion zehn der insgesamt zwölf Fabriken, die alkoholische Getränke herstellen, niedergebrannt worden. Sie waren in Besitz von Christen.

Die Jagd auf Alkoholverkäufer markiert den Beginn der Christenverfolgung im Irak. Die ersten Anzeichen kamen aus Basra. Dort hatten extremistische Gruppen wie die Islamische Rache vor allem Anhänger der Baath-Partei, Kommunisten und eben auch Christen zum Ziel ihrer Attacken genommen. Die Drohungen und Morde ließen viele nach Norden fliehen, in das Gebiet um Mossul, wo die Christen zahlreich und tief verwurzelt sind. Dort suchten sie Schutz vor der Verfolgung. Auf Dauer aber konnte auch Mossul keine Sicherheit bieten.

Nach den offiziell zur Verfügung stehenden Daten sind in den vergangenen Monaten 110 Christen ermordet worden. Sie werden als Gotteslästerer betrachtet, aber auch als Angehörige einer wohlhabenden Klasse verfolgt. Darum sind sie überdurchschnittlich oft Opfer von Entführern und Erpressern.

Am verwundbarsten sind die christlichen Frauen. In einem Land, in dem die Gewalt mit dem Diktat des islamischen Fundamentalismus einhergeht, ist das Leben der Frauen ohnehin schwierig. Immer weniger lassen sich in der Öffentlichkeit blicken. Fast alle tragen den Schleier und lange Kleider. Sie huschen möglichst unbemerkt durch die Straßen. In dieser Situation sind die Christinnen leicht zu identifizieren, denn sie tragen keinen Schleier. Der Großteil von ihnen verlässt das Haus nicht mehr, weil es zu gefährlich ist.

Mariam wohnt in Dora, einer christlichen Hochburg im Süden Bagdads. Zwei Monate lang hatte sie aus Angst ihr Haus nicht verlassen. Am 1. August dieses Jahres fasste sie Mut. Sie ging zur Messe in der Heiligen Peter-und-Paul-Kirche. Wenig später explodierten Granaten in der Kirche. Vier Kirchen in Bagdad und eine in Mossul hatten die Attentäter an diesem Tag zum Ziel eines koordinierten Anschlages gemacht. Es gab ein Dutzend Tote und 61 Verletzte. Mariam hatte großes Glück. Sie kam knapp mit dem Leben davon.

Doch das war erst der Anfang des Schreckens für Mariam und ihre Familie. Ihr Sohn, Sabah, wird seither in der Schule bedroht. Firas, ihr Mann, hat seinen Wagen eines Morgens mit aufgeschlitzten Reifen aufgefunden. Ein eindeutiger Hinweis, eine Warnung, dass sie als Christen unerwünscht seien. Mariam geht überhaupt nicht mehr aus dem Haus, nicht einmal, um die Kirche zu besuchen. Sie denkt nur noch ans Auswandern. Ihr Mann hingegen ist der Meinung, dass man das eigene Land nicht verlassen sollte. Man dürfe, sagt er, nicht den Leuten den Platz überlassen, die Muslime und Christen aufeinander hetzen wollen. Aber er gibt auch zu, dass es immer schwieriger wird, im Irak zu bleiben, ja vielleicht unmöglich.